Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.07.06, 6.56 Uhr, Max Koranyi

Kostenlose Anerkennung

Meine Jugend liegt schon lange zurück. Über 40 Jahre. Und doch sind manche meiner Gefühle aus dieser Zeit mir noch heute unglaublich nahe. Immer dann z.B., wenn ich mich in

einer unbekannten Menschengruppe zurechtfinden, vorstellen und bewähren muss. Da ist es dann sofort wieder da: Dieses Gefühl, möglichst viele Herzen der anderen gewinnen zu müssen. Um nur ja nicht unangenehm aufzufallen. Aus der Gemeinschaft an den Rand gedrängt zu werden. Sattdessen akzeptiert, ach, wenn es ginge, auch geliebt zu werden. Darin kenne ich mich aus wie in meiner eigenen Westentasche.

Viele meiner Empfindungen und Verhaltensweisen mögen auf die elterliche Erziehung zurückgehen. In den 50er und frühen 60er Jahren kam es eben noch gut, wenn man sich möglichst anpaßte und vor allem brav und freundlich blieb. So eine Haltung wurde als erfolgsversprechend angepriesen. Wer ein liebes Kind war, hatte für die Zukunft nichts zu befürchten, fand schnell feste Kreise, die einen mochten. Aber von einem Lieben-Kind-Sein zu ein „Liebkind“ spielen, war es oft nur ein fataler kleiner Schritt. Automatisch hatte sich nämlich tief in mir  die Überzeugung gebildet: Wenn ich nur lieb und freundlich wäre, würde mir das Wohlwollen der anderen schon nur so zufliegen.

Erst nach vielen Jahren unzähliger Bemühungen merkte ich: Dem war gar nicht so. Bei manchen Menschen mochte ich noch so viel an Charme und Freundlichkeit verbreiten, sie wollten einfach keinen Kontakt zu mir. Sie mochten mich nicht. Egal, was ich dabei alles anstellte, diese Art von Liebe mir doch noch zu verdienen. Das war eine harte Schule für mich. Anerkennung, Liebe und Gnade von anderen Menschen konnte ich mir nicht erkaufen. Und doch: Was habe ich mich nicht - oft über Gebühr - angestrengt, es dennoch immer wieder zu versuchen. Mit kleinen Gefälligkeiten, freundlichen Äußerungen, ja selbst mit Geschenken. Können Sie sich vorstellen, wie so ein „Bittgang nach Annahme“ auslaugen kann? Manchmal war ich völlig fertig und erschöpft - und hatte mir dennoch kein gnädiges Gegenüber geschaffen. Und umgekehrt war ich oft völlig überrascht, dass Menschen mich mochten, ohne dass ich vorher alle Register meiner Eroberungskunst ziehen musste. Sie wollten mich einfach so, ohne Vorleistung meinerseits. Meine Frau und meine besten Freunde, sie konnten getrost auf meine Selbstanbiederung verzichten. Sie fanden mich auch ohne Geschenke attraktiv und nett.

Und nun denke ich manchmal, wenn ich schon Schwierigkeiten hatte, gnädiggestimmte Menschen zu finden, wie muss es dann dem Reformator Dr. Martin Luther gegangen sein, in seinem jahrelangen Kampf, einen gnädigen Gott zu finden. Seine verzweifelten Versuche werden nicht anders wie die meinen gewesen sein. Nur wollte er nicht nur das Herz von Menschen, sondern sogar das Innerste Gottes erobern. Was hat er dafür nicht alles angestellt. Schlaflose Nächte waren dabei noch das geringste. Er kam mit seinen Kräften an ein Ende. Bis zu dem Tag, als er in der Bibel las: Gott mag und schätzt mich, ohne dass ich mir vorher alle Beine für ihn ausgerissen habe. Er liebt mich genau so, wie ich bin. Er kennt meinen Namen und will von sich aus schon längst eine Beziehung zu mir. Mit einem Schlag fiel der ganze Krampf seiner Liebdienerei um Gott weg. Jetzt konnte er ganz beglückt mit einer wirklichen Liebesbeziehung zu ihm leben. Völlig umsonst.

Vielleicht hilft es Menschen, die immer noch auf der Suche nach menschlicher Anerkennung sind, daran zurückzudenken: Bei Gott hätten sie schon mal einen Stein im Brett. Und wenn er mich mag, warum sollte nicht auch irgendein Mensch auf dieser großen Welt eines Tages mich für sich entdecken; nämlich wie liebenswert ich gerade für ihn bin? Und das alles ohne Vorleistung und - auch völlig umsonst.

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