Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.07.06, 6.56 Uhr, Max Koranyi

Fußball Theologie

„Mensch, Dad“, sagen meine drei fußballfanatisierten Söhne Moritz, Nicolas und Johannes fast gleichzeitig, „einen Tag vor dem Endspiel, da muߒte einfach eine Andacht über

schaue von meinem Schreibtisch auf. „Ihr wißt doch ganz genau, dass ich völlig unsportlich bin.“ Und dann geht mein innerer Blick noch einmal zurück in die 60er Jahre, als ich noch jünger war als meine Söhne heute sind. Reine Jungenschule. Und mitten drin ich als Brillenträger. Beim Auswählen der Mannschaften: Keiner wollte mich haben. Ich wurde immer wechselweise als zusätzliche Last einer Gruppe aufgehalst. Wenn der Ball aus Versehen auf mich zukam, schrieen alle: „Weg,weg,weg“. Das bedeutete, dass ich ihn nur ja nicht berühren sollte. Weil er dann dorthin flog, wohin er garantiert nicht gehörte. „Du würdest eine gute Eckfahne abgeben“, hat einmal ein muskelbepackter Sportlehrer zu mir gesagt. Und nun sollte ausgerechnet ich heute eine Andacht über Fußball halten. Ich lehne entschieden ab.

„Es soll Menschen geben, die wollen heute auch einmal etwas anderes als „WM“ hören“, antworte ich meinen Kindern kurz. „Und außerdem sind diese Geschichten von sich bekreuzigenden Spielern und von betenden, den Rasen küssenden Stürmern so  abgegrast, dass ich da nicht auch noch mitmachen muss.“ Aber da kenne ich meine Kinder schlecht. „Du bist doch sonst immer so für Geschichten aus dem Leben. Hinter denen der Himmel aufscheint. Also gib Dir einmal Mühe, das Fußballspiel vom Glauben her zu verstehen.“ Jetzt komme ich gar nicht mehr mit. „Ach“, sagt Moritz, der Älteste, und setzt sich auf den Besucherstuhl, „Ist nicht das ganze Leben wie ein Fußballspiel?“ „Nun werd’ nicht philosophisch“, gebe ich zurück. „Dann ist das ganze Leben auch wie eine Bäckerei oder eine Autobahn.“

Nicolas greift ein. „Nicht unsportlich werden, Dad. Guck mal, für ein schönes Spiel brauchst Du ein zuverlässiges Team, das sich gegenseitig Traumpässe zuspielt, die andere verwandeln können. Klingt das vertraut?“ Ich lehne mich zurück. Denke zunächst an unsere Familie, die sich gegenseitig immer wieder gerade auf holprigem Lebensrasen oft gute Bälle zugespielt hat. Und dann an meine liebe Gemeinde. Was wäre ich ohne die Mannschaft, die hinter mir steht, wie vielleicht Sie, liebe Hörer und Hörerinnen, in ihrer Abteilung auch. „Gut“, sage ich, „etwas weit hergeholt, aber das reicht noch nicht für vier Minuten.“ Jetzt ist Johannes an der Reihe, der selber wirklich ganz gut spielt. „Hast Du uns nicht immer wieder beigebracht, so ein Spielmacher zu sein, dass man andere mit einbezieht und ihnen dabei Ideenbälle vorlegt?“ „Mag sein“, brummel ich. „War’s das jetzt? Ich würde gern die letzte Andacht für den WDR zu Ende schreiben.“
„Und wie ist das mit dem Experten im Tor?“, lassen meine Kinder nicht locker, „der im äußersten Notfall das Ding noch hält und Niederlagen abwendet? Jetzt wird’s noch richtig theologisch. „Ihr meint...“. „Klar“, fällt mir Nicolas ins Wort, „Ein Bild für Christus, der Fehlpässe des Lebens ins Aus katapultiert.“ Und so geht das dann munter weiter. Mit der Figur des Schiedsrichters, der keine fouls durchläßt und für fairness sorgt und ab und an die gelbe, ganz gewiss höchst selten die rote Karte zieht. Ein Symbol für göttliche Gerechtigkeit, vielleicht?

Moritz gibt mir keine Ruhe: „Jetzt weiter: Neben aufregenden Minuten im Sturm und vorm gegnerischen Tor muss es auch eine Halbzeit geben zum Entspannen. Und Verletzungen brauchen einen guten Masseur oder gar Arzt. Da könntest Du gleichzeitig in einem Aufwasch sowohl etwas über den Sinn einer geistlichen Ruhepause wie über seelsorgerliche Begleitung reden.“ „Und schließlich der Startrainer“, schiebt der Jüngste noch hinterher.“Könnte der Posten nicht ein sprechendes Bild für den Heiligen Geist sein, der alles Gute aus den Menschen herausholt, was in ihnen steckt? Und Mut macht auch in Zeiten von Niederlagen!“

Dann sind die drei endlich aus meinem Arbeitszimmer raus. „Vergiß nicht, das Endspiel morgen zu sehen“, rufen sie mir von dern Tür aus noch zu. „Und überleg Dir das noch ‘mal mit einer Andacht über die Fußball-WM!“

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