Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.07.06, 8.56 Uhr, Max Koranyi

Abgesang

Unterwegs in unserer Stadt. „Schau“, wird einmal mein Enkel Timo zu mir sagen, „da ist das Geschäft, in dem du deine billige Auslegware bekommst. Komisch, sieht gar nicht wie

ein Teppichlager aus.“ „Das war es auch früher nicht“, werde ich ihm dann antworten. „Und was haben die vorher da drin verkauft?“, wird Timo zurückfragen. „Da wurde nichts verkauft“, werde ich erzählen, während wir vor dem Haupteingang stehen. Auf großen Tafeln lesen wir Sonderangebote pro Quadratmeter. „Das war einmal die Hauptkirche am Ort.“

Timo bleibt vor den Stufen stehen. „Wozu hat man denn so ein großes Gebäude gebraucht?“ Ich denke nach. Und suche ein bißchen hilflos nach den rechten Sätzen für eine richtige Antwort. „Früher haben die Menschen einen Ort gesucht, an dem sie ausruhen konnten. Das war damals, als die meristen noch sechs Tage arbeiten mussten. So sind sie am Sonntag in ihre Kirche gegangen. Dort wurde gebetet. Gesungen und erzählt. Oder auch einfach nur geschwiegen und zugehört. Und schöne Musik hat man dort auch gehört. Manche haben Kerzen angezündet.“ Ich blicke in ein verständnisloses Kindergesicht. „Da passiert doch überhaupt nichts Aufregendes“, sagt er dann. „Keine action! keine attraction! Da machen die das doch jetzt mit den Teppichböden viel geschickter.“

Inzwischen werden wir dann im Verkaufsraum angelangt sein. An den Seiten hohe neugotische Glasfenster. Zwischen ihnen Werbeposter von schönen Models auf Teppichen. Überdimensional. In der Mitte des Raumes ein Wühltisch mit Teppichfliesen. „Wie hast Du Dich hier früher nur wohlfühlen können“, merkt Timo an. „Früher“, werde ich antworten, da sah es hier noch anders aus. Wie ich so alt war wie du, war ich oft mit meinen Eltern hier. Und ich war gern hier. Weil alles auch so ein bißchen geheimnisvoll war. Anders eben als mein Leben sonst.“ Dann werden wir Meterware kaufen, an der Kasse neben einem alten Steintaufbecken bezahlen und gehen.

Übrigens wird es dann Sonntag sein. Ein Tag wie jeder andere. Nur dass die Geschäfte fast noch voller als sonst sein werden. Timo wird sich ein völlig neues Superspiel für seine Konsole kaufen. Und wenn er genügend Geld beisammen hat, sagt er beiläufig im Eventcenter zu mir, dann wird er sich dafür einen Bildschirm kaufen, der so groß wie eine ganze Wand sein wird. Der Sonntag in unserer Stadt wird laut und stickig sein. Aber Timo kennt es ja nicht anders. Er weiß gar nicht, was ein Ruhetag bedeutet. Er würde sich langweilen, wenn die Geschäfter nicht immer geöffnet hätten. 24 Stunden am Tag.

Wir werden dann noch in ein großes längliches Gebäude gehen. In dem wird ein Drogeriemarkt sein, wo ich Body-Lotion kaufen werde. Und Timo ein Sixpack mit Flüssigkeit von grüner Farbe. Nebenan ist gleich eine Disco. Und ein Zehnminutenfriseursalon. Alles in einem. Ich werde ein bißchen wehmütig dabei. „Das war“, werde ich dann zu Timo, der an einem Handystand steht, sagen, „unser altes Gemeindehaus. Wir haben uns dort als Jugendliche getroffen. Tee getrunken. Getanzt. Sogar die ersten Zigaretten geraucht.“ „Du hast geraucht?“, wird Hans fast entrüstet sagen, „so was habt ihr getan? Das macht doch heute kein Mensch mehr. Da lebe ich doch gesünder als du.“ Und hinter uns versinkt die City in greller Nacht

 

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