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Jesus in Gefahr
Steht man in Berlin vorm Haupteingang des Evangelischen Domes, dann fällt einem sofort eine Gestalt über dem Portal auf. Unter einem Torbogen steht eine überlebensgroße
Christusfigur, in wallende Gewänder gehüllt mit schulterlangem Haar. So, wie ihn der kirchliche Kunstgeschmack vor 100 Jahren haben wollte. Sie ist einer berühmten Statue des dänischen Bilhauers Thorvaldsen nachempfunden. Und heißt: Der segnende Christus. In vielen Nachbildungen fand sie ihr zu Hause. Auf Friedhöfen und selbst auf Gründerzeitkommoden. Bevor ich sie im Original gesehen hatte, war sie mir im Grunde schon seit meiner Kindheit vertraut. Sie hat das Bild, das ich bis heute von Jesus habe, nachhaltig geprägt. Jesus hebt nämlich die rechte Hand zum Segensgruß. Dabei geht er einen Schritt auf den Betrachter zu. Er sieht gleichzeitig stark und freundlich aus. Die linke Hand scheint den Kopf eines Kindes zu segnen. Und das war ich.
Jesus beschützt mich. Ich glaube, das war das erste Gefühl, das ich schon in jungen Jahren mit ihm verband. Er zeigt mir den Weg, den ich in meinem Leben gehen soll. Er wehrt Gefahren von mir ab. Er hält seine segnenden Hände über mich. Ihm kann ich ganz vertrauen. Dieser Glaube hat mich bis heute begleitet und mir in vielen Lebenslagen geholfen. Neulich stand ich wieder einmal vor dem Berliner Dom. Aber da erschien mir der segnende Christus gar nicht mehr so selbstsicher und stark. Ich hatte eher das Gefühl, dass er es da oben ganz schön einsam hatte. Irgendwie verloren erschien er mir unter den Menschenmassen, die zum Hauptportal drängten. In dem Moment tauchte in mir zum ersten Mal der Gedanke auf, ob es nicht auch einmal umgekehrt sein könnte. Ob in unserer Zeit Jesus nicht auch einmal meinen Schutz und Segen brauchen würde. Ich muss Jesus beschützen. Dieser Satz geht mir seit diesem Erlebnis nicht mehr aus dem Kopf. Ich muss Jesus beschützen vor Mißverständnissen und Mißachtung. Ich muss ihn auch beschützen vor den vielen Bildern, die wir uns von ihm gemacht haben. Meistens brauche ich ihn nämlich nur dann, wenn etwas in meinem Leben schief gelaufen ist. Jesus soll da sein, wenns brennt. Und wenn alles normal läuft, denke ich eigentlich recht wenig an ihn. Wie ist das eigentlich, wenn er meinem Bild von sich so gar nicht entspricht? Wenn er manchmal eher kritische Worte an meinen Lebensstil richten will? Oder wenn er Fragen an meinen selbstgebastelten Glauben hat? Oder sich in meiner Kirche so gar nicht mehr zurechtfindet, weil das Aufstellen von Finanzzahlen und Steuertabellen dort inzwischen mehr Raum einnimmt als die Andacht zu Beginn einer Sitzung? Müßte ich ihn bei alledem nicht eigentlich in Schutz nehmen - und zwar vor meiner Vereinnahmung?
Ihn loslassen aus Bildern, die ich von ihm entworfen habe und befreien von Statuen, die ich von ihm kenne? Und weiter: Müßte ich nicht endlich einmal Jesus segnen und beschützen, wenn meine Umwelt sich seiner bemächtigt? Sie holt ihn ja oft nur zum Kaffeetrinken raus, dann, wenn es ihr gerade passt. Und Jesus passt zum Tannenbaum. Und zum Konfirmationsgutschein. Und zum Ehejubiläum. Überall dort, wo er uns gefällt, schreiben wir aussen Jesus drauf. Ob er aber auch wirklich in all den Lebenspäckchen drin steckt? Ich meine, ob wir ihn überhaupt ausreden lassen, wenn er zu uns sprechen will: Am Heiligabend, im Konfirmationsgottesdienst und bei der Goldenen Trauung? Oder ob er nur all da absegnen darf, was wir soewieso schon wissen und können und glauben? Zögerlich habe ich vor dem Portal des Berliner Doms dann meine Hand gehoben. Und Jesus gesegnet.
Jesus in Gefahr
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