Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.07.06, 7.50 Uhr, Max Koranyi

Engelswarnung

Unten in der letzten Schublade meines Schreibstischs liegt eine Klarsichthülle. Seit 15 Jahren, damals, als es mir gesundheitlich nicht besonders gut ging, sammle ich Sätze

die mir geholfen haben. Ausschnitte aus Büchern. Zitate aus Kalendern. Dinge, die jemand mal zu mir gesagt hat. Inzwischen ist es ein dicker Packen. Manchmal gehe ich die Zettel durch. So wie heute morgen. Einige haben Teeflecken. Andere habe ich noch mit einer normalen Schreibmaschine geschrieben. Oder einfach schnell hingeworfen mit der Hand.

Mir fällt auf: Viele Sprüche und Texte haben mit unerwarteten Lebenswendungen zu tun. Vor allem mit der Tatsache, dass Entscheidungen, die ich unbedingt ausführen wollte, gescheitert sind. Und dass genau dieses Scheitern am Ende nur gut für mich war. Hören Sie, hier dieser Satz von Eduard Thurneysen z.B., einem großen Schweizer Seelsorger. Ich habe ihn abgetippt und vergrößert kopiert. Er heißt: „Wenn Gott grausam sein wollte, so müßte er uns nur einen Tag lang unsere eigenen Wege gehen lassen.“ Das kann ich nur bestätigen! Unbedingt wollte ich einmal eine bestimmte Stelle bekommen. Und habe Himmel und Erde dafür in Bewegung gesetzt. Rausgekommen war dann, dass die Arbeit am Ende überhaupt nicht zu mir paßte. Das habe ich eine Zeit lang schmerzhaft zu spüren bekommen. Bis zu dem Tag, als Gott Milde walten ließ und - nach meiner festen Überzeugung - mit dafür sorgte, dass ich versetzt wurde. Dorthin, wo ich selber nie hin wollte. Und am Ende der glücklichste Mensch von der Welt wurde.

Nichts anderes will im übrigen der nächste Erinerungszettel sagen. Er enthält eine wichtige Glaubensfrage mit einer überraschenden Antwort  Ein amerikanischer Kollege hat mir einmal dieses Papier in die Hand gedrückt. Und die Übersetzung lautet: „Woher können wir eigentlich erkennen, dass Gott bei uns ist? -  Daran nämlich, dass Gott uns zu Plätzen führt, zu denen wir von uns aus niemals aufgebrochen wären.“

Grausam wäre Gott in der Tat, wenn er sich nicht um unsere Wegentscheidungen kümmern würde. Seien wir ehrlich: Unsere Einsicht ist begrenzt. Möglichkeiten zu Zukunftsprognosen äußerst beschränkt. Woher nehme ich eigentlich die Gewissheit, mich für einen Menschen, einen Beruf, einen Lebensort zu entscheiden? Fast könnte man ins Zögern geraten, sich überhaupt noch auf irgendeinen Weg zu begeben, wenn -  ja wenn es da nicht die berechtigte Hoffnung gäbe, dass uns jemand dabei begleitet. Der uns eben nicht automatisch immer unsere eigenen Wege gehen läßt. Sondern nur allzu oft Engel schickt, die uns warnen und aufhalten und umleiten. Das mag im ersten Moment ärgerlich, schmerzhaft oder sogar erschreckend sein. Am Ende wird sich herausstellen, dass all dies nur zu unserem Besten dient.

Hören Sie nur einem anderen Zettel von mir zu. Ein abgeschriebener Gesangbuchvers. Von Tobias Clausnitzer, 1663: „Unser Wissen und Verstand ist mit Finsternis verhüllet, wo nicht deines Geistes Hand uns mit hellem Licht erfüllet.“ Niemals wäre ich von mir aus auf die Idee gekommen, eines Tages öffentlich zuzugeben: Das kann ich nicht. Das liegt mir nicht. Davon sollte ich  meine Hände lassen. Es gibt andere Aufgaben, für die ich besser geeignet bin. Darauf sollte ich meine begrenzten Kräfte konzentrieren. Wenn Gott mir nicht gezeigt hätte, wo meine Grenzen und Möglichkeiten liegen. Übrigens auch in der Beurteilung von Menschen. Wie habe ich mich auch auf diesem Gebiet schon verrannt. Gute zunächst für untauglich, und böse für perfekt gehalten. Und wie sind zu meinem Glück nicht alle meine Personalentscheidungen so umgesetzt worden,  wie ich sie gerne gehabt hätte.

Inzwischen bin ich mit wichtigen Entscheidungen in meinem Leben vorsichtiger geworden.  Manchmal schaue ich dann zum Himmel und höre in das Blau hinein. Ob es da irgendwelche Hinweise oder Zeichen gibt, die mir ab- oder zuraten. Oft schon habe ich in solchen Momenten gelernt, nicht mir allein zu vertrauen. Sondern auch auf Menschen zu hören, die mir im Nachhinein tatsächlich wie Abgesandte aus einer anderen Welt erschienen.

Da ist er, ein gelber Zettel aus einem Tageskalender. Er soll heute das letzte Zitat sein. Eigentlich sagt es auch nicht viel anderes als die anderen bisher. Aber er ergänzt sie so schön: Der mittelalterliche Mystiker Thomas von Kempen hat ihn geschrieben, im 15.Jahrhundert: „Es ist große Weisheit, im Handeln nicht voreilig zu sein und nicht immer hartnäckig auf seinem eigenen Kopf zu bestehen.“

Audiobeitrag Engelswarnung


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