Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.07.06, 5.56 Uhr, Elke Rudloff

Die Heimat liegt vorne

Weiter nach vorne oder wieder zurück? Wir hatten uns verlaufen und suchten den richtigen Weg, irgendwo im Riesengebirge an der Grenze zwischen Polen und

Tschechien. Zum Glück kamen uns bald zwei ältere Leute entgegen, die deutsch sprachen. Als wir uns gemeinsam über unsere Karte beugten, sagte der Mann „ Ach, bei Ihnen sind ja schon die neuen Namen eingezeichnet. Wir laufen noch nach der Karte aus unserer Heimat“ und zeigte mir sein Exemplar mit den schlesischen Städtenamen. “ „Schon die neuen Namen?!“ dachte ich. „Der Krieg liegt doch Jahrzehnte zurück!

„Heimwehtouristen“ werden Menschen wie die beiden Wanderer in manchen Reiseführern genannt. Gemeint sind Urlauber, die in Polen oder anderen osteuropäischen Ländern die Orte ihrer Kindheit aufsuchen und dort auf Spurensuche nach ihren Vorfahren gehen. Wenn sie erzählen, klingen ihre Stimmen wehmütig, manchmal auch schwärmerisch. So, als sei in der Heimat ihrer Kindheit immer Sommer gewesen. Ein Paradies, aus dem sie vertrieben wurden und für das es im Westen keinen gleichwertigen Ersatz gab.

Ich möchte über ihre Haltung nicht urteilen, denn ich bin in einer anderen Zeit und unter anderen Lebensumständen groß geworden. Trotzdem stellt sich auch für mich die Frage, was eigentlich meine Heimat ist und wo sie liegt. Ist sie da, wo ich geboren wurde, in die Schule gekommen bin? Da wo ich meine erste eigene Wohnung hatte? Oder ist meine Heimat der Platz, wo die Gräber der Vorfahren liegen? Was und wer gehört dazu, damit ich sagen kann: Das hier ist meine Heimat!

Die Bibel gibt darauf eine interessante Antwort. Sie sagt: Heimat ist nicht nur hinten, Jahrzehnte zurück, an einem Ort, an dem man irgendwann einmal gelebt hat. Heimat kann auch vor mir liegen, als Land meiner Ruhe und Zukunft.

Bei Ruth, einer Frau, von der das Alte Testament erzählt, war das so. Ihre Heimat lag vor ihr. Da, wo es ihre Freundin Naomi hinzog. Welche Sprache, welche Landschaften, welche Kultur oder Religion sie dort vorfinden würde – das alles spielte für Ruth eine untergeordnete Rolle. Solange sie ihre Freundin Naomi nicht verlassen musste, war ihr alles recht. Und darum sagte sie ihr: Wo du hingehst, da will auch ich hin gehen, wo du übernachtest, übernachte auch ich, dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe auch ich, da will ich auch begraben sein.

Eine mutige Entscheidung, alles hinter sich zu lassen und an unbekannten Orten und mit unbekannten Menschen eine neue Heimat zu suchen. Ruth ist das gelungen, weil sie für ihre Freundschaft ihre alte Heimat hinter sich gelassen hat.
Gott hat sie für ihre Treue gesegnet und sie zu Menschen geführt, die sie herzlich aufgenommen haben.

 

Audiobeitrag Die Heimat liegt vorne


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