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Verzeihung mit Chianti
Ihren ersten gemeinsamen Urlaub hatten Christian und Paula in Rom verbracht. In einer kleinen Pension beim Campo de Fiori waren sie untergekommen. Dunkle, schwere Möbel
standen in dem kleinen Zimmer. Und über dem Bett lächelte die Madonna von Raffael. Da sie knapp bei Kasse waren, machten sie mittags immer Picknick. Mal auf der Spanischen Treppe, an einem der römischen Brunnen oder in einem der römischen Parks.
Dann kam der letzte Abend. Ihre Wirtin hatte sie zum Essen eingeladen, zusammen mit der ganzen Familie. Im Innenhof wurde ein großer Tisch gedeckt. Zu Ehren der Gäste mit weißer Tischdecke, Silbersbesteck und Kristallgläsern. Als ersten Gang servierte die Wirtin eine Minestrone. Ihr Mann goss Chianti in die Weingläser.
Als sie alle miteinander anstoßen wollten, passierte es: Paula warf ihr Glas um. Der dunkelrote Wein ergoss sich über die weiße Tischdecke. Scusi stammelte sie erschrocken, und setze noch ein mea culpa dazu. Mehr wusste sie auf Italienisch nicht zu sagen und darum wiederholte sie immer wieder ihr scusi. Dazu tupfte sie verlegen mit der Serviette auf der Tischdecke herum. Alle anderen saßen wie erstarrt und hielten den Atem an. Christian überlegte krampfhaft, wie er die Situation retten könnte. Sonst wäre der schöne Abend schon vorbei, bevor er richtig angefangen hatte.
Da stand die Wirtin auf, legte ihre linke Hand begütigend auf Paulas Arm und nahm mit der rechten die Weinkaraffe. Zuerst goss sie wieder einen Schluck in Paulas Glas. Dann schüttete sie in aller Seelenruhe den ganzen restlichen Wein aus der Karaffe auf das Tischtuch! Dazu sagte sie lächelnd alla salute , hob ihr Glas, prostet allen zu und nahm wieder Platz. Erleichtert brachen alle in Gelächter aus und antworten ebenfalls mit alla salute.
Immer, wenn Paula nach ihrem Urlaub gefragt wurde, erzählte sie zuerst von ihrem letzten Abend. Mit etwas besseren Italienischkenntnissen hätte sie die Wirtin gerne danach gefragt, was sie wohl zu ihrer großmütigen Geste bewegt hatte. War es nur spontanes Mitleid mit dieser ungeschickten deutschen Studentin oder steckte mehr dahinter? Die Bilder in der Pension sprachen davon, dass die Wirtin eine religiöse Frau war. Vielleicht lebte sie ja in dem Bewusstsein, dass Gott sie mit gnädigen Augen ansieht. Und hatte deshalb nicht nur ihre, sondern auch Gottes Güte so liebevoll und sogar ganz ohne Worte an den deutschen Gast weiter geben.
Verzeihung mit Chianti
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