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Der alte Mann und der Turm
Suchend blickte der alte Mann nach oben. Katja, seine Enkelin seufzte. Sie ahnte: Auch diesen Kirchturm wird er wieder besteigen wollen. Dabei war ihr Großvater
doch schon 86 Jahre alt. Aber er wollte ihr eben den ganzen Schwarzwald zeigen. So wie er ihn aus vielen Urlauben mit seiner verstorbenen Frau kannte. Darum ließ er nichts aus: Keinen Waldweg, keine Speisekarte und keinen Aussichtspunkt.
Katja verkniff sich ihren Wunsch, lieber festen Boden unter den Füßen zu behalten. Sie war nicht schwindelfrei, aber das ließ er nicht gelten. Also folgte sie geduldig jedem seiner Schritte. Zuerst ging es noch leicht. Da waren die Stufen aus Stein, umgeben von einer starken Mauer. Mit der Hand am Geländer stapfte sie grummelnd hinter ihrem Großvater her und hoffte inständig, dass sie ihn nicht auffangen müsste.
Nach einer Weile erreichten sie eine Plattform aus Holz. Jetzt ging es auf Metallstufen weiter, durch die man hindurch durchsehen konnte. Katja klammerte sich fester an das Geländer und kämpfte gegen das flaue Gefühl im Bauch an. Irgendetwas knatterte plötzlich metallisch neben ihrem Ohr. Und dann schlug mit gewaltigen Schlägen die Turmuhr an. Direkt neben ihr. Vor Schreck ließ Katja das Geländer los, hielt sich die Ohren zu und blickte nach unten in eine gähnende Tiefe. Jetzt ging gar nichts mehr. Weder vor noch zurück. Wo bleibst du? rief ihr Großvater. Ich komme nicht weiter, rief Katja kläglich zurück. Du musst nach oben gucken, dann gehts. Konzentrier dich auf jeden einzelnen Schritt. Und dabei die Augen immer nach oben! Also gut, dachte Katja und atmete tief durch. Dann richtete sie ihre Augen in die Höhe und ging vorsichtig weiter, bis sie auf dem Balkon angekommen war und mit ihrem Großvater die weite Aussicht genießen konnte.
Wieder unten angekommen, sagte ihr Großvater: Weißt du, , wenn du Bodenhaftung behalten willst, musst du nach oben schauen. Nicht nur bei Türmen. Das ist auch im richtigen Leben so. Du stehst am Abgrund und fühlst dich, wie gelähmt. Und du malst Dir die schrecklichsten Bilder aus, was dir alles bevor steht.
Ich habe für solche Momente ein Wort aus der Bibel. Das hilft mir, mich von den Bildern abzuwenden, die mir Angst machen. Es heißt: Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher wird meine Hilfe kommen? Meine Hilfe kommt von Gott, der Himmel und Erde gemacht hat.
Das ist das Geheimnis: Die Augen aufzuheben. Innen und außen. Denn durch den Blick in den Himmel erinnere ich mich daran, dass Gott mir beisteht. Statt gebannt in den Abgrund zu starren, kann ich mich auf jeden einzelnen Schritt vor mir konzentrieren. Und ich spüre, dass ich ihn gehen kann.
Der alte Mann und der Turm
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