Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.06.06, 8.05 Uhr, Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx

Wovon keiner mehr spricht – von Geisterhäuschen und offenen Fragen

Wissen Sie, was ein Geisterhäuschen ist ? In Thailand findet man sie an jeder Straßenecke. Vor dem Hauseingang der Familie. Auf den Dächern der Banken und Bürohäuser.

Auf den Parkplätzen von Kaufhäusern und Restaurants. An Schnellstraßen und gefährlichen Kreuzungen. Geisterhäuschen in allen Farben,  geschmückt mit Blumengirlanden und Duftkerzen.

Wer das Land besucht, ist zunächst  fasziniert von der Vielfalt, die sich hier spiegelt.  Mir jedenfalls ging es so. Ich bin Cornelia Coenen-Marx und arbeite als Pfarrerin in der Überseeabteilung der Evangelischen Kirche in Deutschland. In Thailand war ich zum ersten Mal, und auch die Geisterhäuschen kannte ich noch nicht. Manche sehen aus wie eine Miniaturausgabe des Wohnhauses, andere wie kleine Tempel mit goldenen Dächern. Manche erheben sich über einem Altarpodest, andere stehen auf Stelzen wie kleine Hochsitze mit eigener Leiter. Bodenkontakt muss sein – die Geister sind offenbar erdgebunden. Vor dem  Eingang stehen Opfergaben bereit: Wein, Saft oder Cola, oft auch Obst oder Fleisch. Es scheint sehr wichtig, die Geister zu versorgen- auch für buddhistische Geschäftsleute in Bangkok.

Zugegeben,  der touristische Blick bleibt oberflächlich ? Dass es verschiedene Häuschen für Stadt- und Landgeister gibt, für Erd- und Wassergeister, dass ihnen unterschiedlich geopfert wird, das musste ich erst nachlesen. Die Zeit der  Trolle und Elfen, der Gespenster und Hausgeister  ist ja bei uns längst vorbei, auch wenn die Schutzengel seit langem Konjunktur haben.  Dort aber, in Thailand, scheint man zu glauben, dass es gefährlich ist, die Geister zu vergessen. Dass sie sich rächen mit schlechten Geschäften und furchtbarem Unglück. Was das bedeutet, habe ich an der Küste von Khao Lak gesehen, wo der Tsunami Tausende in der Tod riss. Dort, meinen viele, gingen die Geister um. Die Harmonie von Natur und Mensch ist jedenfalls gestört und das Zusammenleben der Generationen auch. Eine ganze Elterngeneration fehlt. Grosseltern sorgen sich um ihre Enkel, weil Vater oder Mutter von der Flutwelle in die Tiefe gerissen wurden.  Wo aber sollen die Kinder  die Geister ihrer Vorfahren ehren ? Wo soll man Opfer bringen, um das zerstörte Gleichgewicht wieder herzustellen ?

Fragen, auf die es kaum eine Antwort gibt.  Aber die Fragen gehen um an der Küste von Khao Lak. Kein Wunder, dass  die  Gäste aus Asien  einstweilen ausbleiben. Manche meinen, es könnte eine ganze Generation dauern, bis die Geister zur Ruhe kämen. Die wunderbaren Hotels, die neu wieder aufgebaut wurden, stehen trotz Geisterhäuschen weitgehend leer. Nur die Europäer  kommen wieder. Für uns ist  Sicherheit ist eine technische Frage – ein neues Warnsystem wurde ja gerade getestet.  Unsere Toten sind fast alle identifiziert. Und mit den Hilfsgeldern, die wir gespendet haben, haben die Dorfbewohner größere Häuser und bessere Bote bekommen. Manche Strände sind jetzt schöner als zuvor. Das Leben kann also weitergehen.

Aber auch für uns sind die  Fragen so leicht nicht  abzuschütteln – sie kommen am Abend, wenn die Gäste unter dem südlichen Himmel beim Bier sitzen. Sie drehen sich um das, was wir nicht im Griff haben, um Trauer, Tod und Angst. Opfer und Spenden beruhigen nicht  – und auch die Geisterhäuschen sind für uns nur eine Touristenattraktion. Was also hilft wirklich ? Ich halte mich an die Liebe Gottes, die stärker ist als der Tod. Ich glaube daran, dass auch die Toten in Gottes Armen geborgen sind.  Dass es nichts gibt zwischen Himmel und Erde , was stärker ist als diese Liebe. Keine Schuld, keine Angst, keine Geister.

In meinem Lieblingsvers aus dem neuen Testament ist das ganz wunderbar ausgedrückt: Paulus schreibt,  dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Hohes noch Tiefes noch keine andere Kreatur mich scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Jesus lebendig ist. Mitten in unserem Alltag lebendig. Auch nachts, dann, wenn die Fragen kommen. Diese Liebe hat keine einfachen Antworten. Aber sie löst uns aus der Angst.  
 
Jesus Christus sei hinab gestiegen in das Reich des Todes, heißt es im apostolischen Glaubensbekenntnis. In meiner Kindheit hieß das noch: „niedergefahren zur Hölle“. Inzwischen ist die Hölle aus unserer Glaubenssprache verschwunden – sie hat sich zur politischen Metapher verflüchtigt. Ach ja, und in Witzen kommt sie natürlich auch vor. Aber was stellen wir uns unter dem „Reich des Todes“ vor ? Eine Welt der Schatten, wie die Antike sie kannte ?  Die Geisterwelt der Nacht, in der der Tod alles Leben in seinen Bann ziehen kann ?  Eine Unterwelt jenseits der Realität unseres Alltags ?

Mir fällt dabei die Geschichte von Orpheus und Euridike ein. Von dem Sänger, der mit seiner - Musik  selbst Pflanzen und Tiere bewegt haben soll – ja, selbst Steine soll Orpheus zum Weinen gebracht haben. So schön spielte er die Kitara, eine Art Gitarre mit drei Seiten.  Als seine geliebte Euridike an einem Schlangenbiss starb, da stieg er sogar in die Unterwelt hinab und rührte mit seiner Musik den Herrscher des Totenreiches, so dass er Euridike zur Erde entließ. Nur umdrehen dufte Orpheus sich nicht auf dem Weg – denn dann würde der Tod sie wieder in seinen Bann ziehen. War seine Liebe zu groß ? Oder sein Vertrauen zu schwach ? Jedenfalls konnte er diese Bedingung nicht einhalten. Er drehte sich um – und Euridike verschwand für immer.

Der antike Mythos erzählt von den Mächten, die es mit dem Tod aufnehmen können – von der Liebe, von der  Musik. Und erzählt davon, dass wir Menschen zu schwach sind, den Tod zu besiegen. Um diesen Sieg aber dreht sich die Geschichte von Jesus. Was Orpheus nicht gelungen ist – hier ist es geschehen.  Der Christus  besiegt den Tod, er steigt hinunter ins Totenreich und führt alle heraus, die zu ihm gehören. In einem alten Osterlied klingt das so: „ Er hat zerstört der Höllen Pfort , die Seinen all herausgeführt und uns erlöst vom ewgen Tod.“ 

Altarbilder und Buchmalereien aus dem Mittelalter erzählen davon ganz plastisch: wie  Jesus Christus  hinuntersteigt, tief hinab unter sein eigenes Grab, um die zu befreien, die vor ihm lebten. Um denen zu predigen, die seine Botschaft sonst nie erreicht hätte. Um die versteinerten Herzen zu bewegen. Den Malern war klar, dass es nicht genügt, die Menschen hier und jetzt zu befreien, dass die Befreiung viel tiefer gehen muss, in ganz andere Schichten des Lebens vordringen muss. Es gibt keine Erlösung, ohne dass die Schatten der Vergangenheit sich lösen. Keine Vergebung, ohne dass auch die Toten versöhnt würden. Keine neue Welt ohne die, die unter dieser unsäglich gelitten haben. Die Gemeinschaft der Heiligen, von der das Glaubensbekenntnis spricht, schließt die Toten mit ein. Darum musste Jesus hinabsteigen, bevor er auferstand. Alle Welt, alle Schichten unseres Lebens, unsere Vergangenheit wie unsere Zukunft sollen von Gottes Liebe erreicht werden.

Wer immer sich mit den Schatten seiner Vergangenheit auseinandergesetzt hat, weiß, wie hart dieser Versöhnungsweg ist. Viele Menschen brauchen ein Leben lang, um sich mit ihren toten Eltern auszusöhnen. Und auch unser Volk ringt noch immer darum, was mit den Generationen ist, die in den Weltkriegen starben, im Holocaust vernichtet wurden, die auf der Flucht verhungerten oder erschossen wurden, die Unerträgliches litten oder furchtbare Schuld auf sich luden. Väter, Mütter, Grosseltern, deren Geschichte auch unsere Geschichte ist. Sie ist nicht vorbei, sie hat Macht über uns, solange sie uns noch umtreibt. Das Unversöhnte, das Unvergebene, das Ungenannte zieht unser Leben nach unten. Dass Christus da hinab gestiegen ist, in seiner Liebe,  dass er die Opfer befreit und die Täter nicht loslässt – das gehört zu unserem befreienden Glauben. Davon leben wir.  

In der Grabeskirche in Jerusalem steht unter dem Kreuz von Golgatha die so genannte Adamskapelle. Ich weiß, viele mögen die Grabeskirche nicht – diese Labyrinth von über- und aneinander gebauten Kirchen und Kapellen, dieses Chaos von Altären, Ampeln und Ikonen. Aber wer sich einlässt auf diese Welt, die in Jahrhunderten gewachsen ist, kann einiges entdecken. Zum Beispiel den 10 Meter hohen und 4o Meter tiefen Felsen, auf dem das Kreuz vielleicht wirklich gestanden hat. Einst lag diese Stelle außerhalb der Stadtmauer und war umringt von Grabhöhlen. Jetzt führen 19 Stufen hinauf zu den Altären der Kreuzigungskapelle. In all dem Gold und unter den Bildern der Lateiner und Griechen, sieht man Menschen  knien . Manche kriechen sogar unter den Altar und greifen mit der Hand hinein in den freigelegten Felsen, dahin, wo das Kreuz gestanden haben soll.

Dort unten am Felsen liegt die Adamskapelle. In ihrer Apsis, hinter dem Altar, sieht man hinter Glas einen Spalt im Felsen. Den Riss in der Tiefe, der durch das Erdbeben bei der Kreuzigung entstanden sein soll. Hier soll nach jüdischer Überlieferung im Innern des Felsens  die Gebeine Adams ruhen. Das hat jedenfalls Origines geschrieben, ein christlicher Theologe aus dem 2. Jahrhundert. Als Jesus oben auf dem Felsen gekreuzigt wurde und der Stein zersprang, da soll sein Blut durch diesen Riss bis ganz hinunter gelaufen sein – bis zu Adam hinunter, in die tiefste Geschichte der Menschheit. Der Apostel Paulus hat einmal beschrieben, was damit gemeint ist: Seit Adam und Eva herrscht der Tod über die uns alle,   mit  Christus  aber  siegt das Leben.

Die Adamskapelle ist ganz schlicht. –  Eigentlich sieht man nichts als den Riss im Fels. Kein Blut, kein Gold, kaum Bilder. Vielleicht ist deswegen das innere Bild so stark: das Blut von Golgatha läuft herab und verwandelt die Welt  – nicht wie Fluch, sondern wie ein Segen. Schluss also mit Blutrache, Schuldverstrickungen, Hass und Kriegen. Schluss mit den Schatten der Vergangenheit. Es ist alles erledigt. Nichts muss uns ängstigen. Die Toten gehen nicht mehr um. Die Geister sind zur Ruhe gekommen.

Natürlich ist die Adamskapelle nur ein Bild.  Aber doch ein Bild, das tief hinein in unsere Seele reicht. In dieselben Schichten, in denen unsere Ängste schlummern. Ein Mythos wie die Geschichte von Orpheus und Euridike, ganz handgreiflich zu sehen wie die Geisterhäuschen in Ostasien. Das besondere daran ist: diese Geschichte macht keine Angst, sie zwingt uns nicht zu täglichen Opfern, sie konfrontiert uns nicht mit unserer Schwäche – diese Geschichte befreit und macht Mut. Sie erzählt , was Paulus in meinem Lieblingsvers schreibt:  Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Hohes noch Tiefes – nichts auf der Welt kann  uns von Gottes Liebe trennen.  Daran halte ich mich, wenn die Fragen kommen. Und ich glaube, das trägt mich – und kann jeden tragen. Damit wünsche ich Ihnen einen schönen und gesegneten Sonntag.  Ich bin  Cornelia Coenen-Marx von der Evangelischen Kirche in Deutschland.  

 

Audiobeitrag Wovon keiner mehr spricht – von Geisterhäuschen und offenen Fragen


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