Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.06.06, 8.56 Uhr, Pfarrerin Susanne Schart

Regeln (Mt 22, 34-40)

Fußball ist das einfachste Spiel von der Welt. Kinderleicht zu verstehen. Das Runde muss in das Eckige.

Mit diesen Worten eines Fußballtrainers (Sepp Herberger) ist alles gesagt. Für alle Nichtfußballbegeisterten heißt das übersetzt: der Ball muß ins Tor. Punkt. So einfach ist das. Daran hängt alles. Daraus ergibt sich alles Weitere.

„Einspruch!“, höre ich die Experten sagen, „das Regelwerk ist weitaus umfangreicher. Es gibt eine Menge Vorschriften, zum Beispiel die Abseitsregel.“ Natürlich, aber wir wollen uns nicht in Kleinigkeiten verzetteln. Es kommt auf das wirklich Wichtige an. -

Was ist das Wichtigste? Diese Frage, die an eine Prüfungssituation erinnert, stammt nicht etwa aus der Schiedsrichterausbildung sondern aus einer biblischen Geschichte. Und tatsächlich. Kein Geringerer als Jesus soll auf die Probe gestellt werden. Seine Gegner sind Schriftgelehrte, allesamt Experten in Glaubensfragen. Jetzt wollen sie eine Entscheidung. Sie wollen wissen, wie gut kennt sich Jesus aus im Regelwerk des Glaubens!

 „Welches ist das wichtigste Gebot?“ Diese Frage hat es in sich. Es geht nicht darum, die Summe aller Gebote zu bestimmen. Nein, das wäre zu einfach. Selbst einem im Glauben Ungeübten kämen mindestens die Zehn Gebote in den Sinn. Damit wird man Jesus wohl kaum in die Enge treiben können.

„Welches ist das wichtigste Gebot?“ Gebote und Regeln gibt es viele. Hilfreiche. Einleuchtende. Fragliche. Welche mit und ohne Sinn. Aus der Vielzahl der Gebote soll Jesus das alles Entscheidende bestimmen. Seinen Gegnern geht es um eine Rangfolge. Welches ist das Gebot, das alle Gebote umfaßt und deshalb auf keinen Fall gebrochen werden darf. Es ist die Frage nach dem einen, das alles Andere trägt. „Welches ist das wichtigste Gebot?“ ist keine Wissensfrage. Keine Frage für „wer wird Millionär?“. Es ist eine Frage des Glaubens. Und das macht sie so gefährlich. Denn bei einer falschen Antwort hat Jesus verspielt. Und in einer Gruppe von Experten ist die Gefahr der Niederlage doppeltgroß.

Also, wie lautet seine Entscheidung? Du sollst Gott lieben mit ganzem Herzen (…). Und er fügt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. So einfach ist das. Daran hängt alles. Die Liebe als wichtigstes Gebot. Und zwar in doppelter Ausfertigung. Daraus ergibt sich alles Weitere. Denn wer Gott liebt, kann nicht anders, als seinen Nächsten ebenfalls zu lieben. Der Mittelpunkt des Glaubens ist nichts als Liebe - zu Gott und den Menschen. Auf einen Einspruch der Experten wartet Jesus vergeblich.

Die Erinnerung an die Liebe überzeugt seine Gegner. Da können selbst sie nicht widersprechen. Der Macht der Liebe gibt sich selbst der ärgste Gegner geschlagen. Wer das versteht, hat die Grundlagen des Glaubens verstanden. Und das zu verstehen, ist eigentlich kinderleicht. Nur: Was nützt die schönste Theorie? Wer die Regeln kennt, kann noch lange nicht spielen. Zwischen Wissen und Tun liegen manchmal Welten. - Und das nicht nur beim Fußball.

Audiobeitrag Regeln (Mt 22, 34-40)


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