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Altwerden - Mehr Zeit
Mit zittriger Hand streicht sie sich das dünne Haar aus der Stirn. Sie sitztin einem hohen Lehnstuhl neben ihrem Bett.
Die Pflegerin hat sie vor einer halben Stunde aus dem Bett geholt und hingesetzt, aber am liebsten will sie sich sofort wieder sich hinlegen. Das Sitzen ist ihr zu anstrengend. Die dünne Haut am Gesäß ist wund. Nein -es ist nicht schön alt zu werden, raisonniert sie. Ich bin jetzt 86 Jahre alt. Dabei rezitiert sie ein Gedicht nach dem andern. Bevorzugt Goethe. Will sie damit beweisen wie klar sie noch im Kopf ist? Hat sie das nötig? Es ist eines der wenigen Dinge, die ihr noch geblieben sind, hier im Altenheim.
O-Ton Filmzitat: Schauen Sie sich die alten Menschen hier an. Sie tragen Windeln, weil nicht genug Zeit ist, sie auf die Toilette zu begleiten und sie bekommen Magensonden und flüssige Nahrung, weil nicht die Zeit da ist, sie zu füttern und erst recht ist keine Zeit da, sie beim Sterben zu begleiten.
Sprecherin: Die Pflegerin kommt für kurze Zeit herein. Gerade als Frau S. die Stimme erheben will- ist sie schon wieder draußen. Sie ist nicht mehr so schnell. Jetzt heißt es warten bis zum nächsten Mal. Das ist kein schlechtes Pflegeheim- hat ihr Sohn gesagt. Es ist obere Preisklasse, hat er hinzugefügt und Frau S. hat ein schlechtes Gewissen bekommen. So teuer- das wollte sie doch nicht. Das schöne Geld alles für sie ausgeben. Viel lieber wäre sie zu Hause geblieben, aber das ging eben nicht mehr. Und wo sollte sie hin? Beim Sohn war kein Platz- außerdem ist er berufstätig und nur abends zu Hause. So kam sie in ein Seniorenpflegeheim.
Noch einmal Umziehen im Alter. Das letzte Mal. Nochmal von vorn anfangen. Im Haus kannte sie niemanden. Neue Kontakte knüpfen - das ist gar nicht so einfach. Zumal, wenn die Bewegungsfreiheit noch so eingeschränkt ist. Sie wird gut versorgt. Aber sie ist hier auch viel allein. Das so hatte sie gehofft wird wenigstens besser als in der eigenen Wohnung zu Hause. Aber da hat sie sich geirrt. Im Gegenteil- unter vielen Menschen fühlt sich die Einsamkeit noch größer an. Die Schwestern und Pfleger betreten nur für wenige Minuten am Tag ihr Zimmer.
Dabei wünschte sich Frau S. nichts sehnlicher als jemandem zu erzählen von ihrem Leben wie es früher war, in ihrer Kindheit, was ihr Freude gemacht hat, wie sie ihren Mann kennen gelernt hat, wie ihr Sohn geboren wurde. Frau S. will gar kein teueres Pflegeheim oder eine besondere Betreuung. Sie wünscht sich etwas anderes: Mehr Zeit, mehr Aufmerksamkeit, mehr Beachtung. Viele alte Menschen in Altenheimen wünschen sich dies. Doch die Realität sieht leider oft anders aus. Wie gehen wir heute mit alten Menschen um? Mit ihrer Individualität, mit ihrer Geschichte mit ihrer Würde?
Nach dem biblischen Zeugnis läßt sich die Qualität einer Gesellschaft auch daran messen, wie sie mit den alten Menschen umgeht. Im 3. Buch Mose heißt es: "Du sollst vor grauem Haar aufstehen, das Ansehen eines Greises ehren und deinen Gott fürchten." (Lev 19,32). Da gibt es noch viel zu tun für uns.
Altwerden - Mehr Zeit
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