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Fairplay auf dem Spielfeld und im Leben
Liebe Gemeinde, es wird nicht wenige geben, die das Wort Fußball kaum noch hören können und der vielen Werbung rund um die WM überdrüssig sind ein Restaurant gleich hier
um die Ecke wirbt um Kundschaft schon mit dem Schild garantiert WM-freie Zone. Aber, ich bin sicher: Für die nächsten vier Wochen sind die Fußballmuffel in der Minderheit. Fußball ist zwar nur eine Nebensache, aber für die Mehrheit der Deutschen eben doch die schönste Nebensache der Welt.
Und die Kirche ist mit dabei. Wir haben hier in der Gemeinde vorgestern das Eröffnungsspiel im Gemeindehaus gezeigt und 1.400 weitere evangelische Gemeinden in ganz Deutschland haben das genauso gemacht. Fußballturniere, vor allem mit Konfirmanden Ausstellungen und mehr die evangelische Kirche hat sich einiges einfallen lassen.
Ob Jesus Fußball gespielt hat, ist zumindest nicht überliefert. Klar ist aber, dass Menschen immer schon gern gespielt haben: Mensch ärgere dich nicht und Skat, ein Instrument und Theater oder eben auch Fußball. Spielen bringt Abwechslung ins Leben und hilft, freie Zeit sinnvoll zu gestalten. Im Spielen werden Aggressionen abgebaut. Ging man früher Holz hacken, läuft man heute eine Runde durch den Wald oder stemmt Gewichte. Wer spielt, gönnt sich eine Aus-Zeit vom normalen Betrieb und Alltag.
Auch Jesus hat sich immer wieder Aus-Zeiten genommen: er ist in die Wüste gegangen, hat Fastenzeiten eingelegt und immer wieder auch Abstand von den Menschen gesucht und Ruhe.
Im Fußball treffen wir immer wieder auf Begriffe und Verhaltensweisen, die auch aus Religion und Kirche stammen könnten. Toni, Toni, du bist ein Fußballgott, jubelte 1954 der Reporter beim WM-Endspiel in Bern. Und mit biblischen Worten erinnern wir uns an jenen ersten deutschen Titelgewinn bekanntlich als dem Wunder von Bern. Dazu kommt eine feste Liturgie, der die Spiele folgen: wenn auf Schalke die Fans der Nordkurve Schalke rufen, antworten die Fans der Südkurve 04, wie bei einer wechselnden Rezitation eines Psalmes im Gottesdienst.
Oder: biblische Bilder, dass Gott bei mir ist, kommen mir in den Sinn, wenn ich die Hymne höre, die Fans beim Fußballspielen gern singen Youll never walk alone du bist nie allein unterwegs. Darin drückt sich die Hoffnung aus: ich möchte immer jemanden an meiner Seite wissen, der zu mir steht, komme, was da wolle Hoffnung, die im 23. Psalm mit Gott verbunden ist: und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, Zuversicht, die Christen aus den letzten Worten des Matthäus-Evangeliums schöpfen und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.
Kirche wäre nicht Kirche, wenn sie die Fußball-WM nur als Gelegenheit zum Mitfeiern nutzte. Sie tritt auch als Mahner mit sozialem Gewissen auf: In den Städten mit WM-Stadien hat sie die Kampagne Stoppt Zwangsprostitution gestartet Sie soll auf die Not ausländischer Frauen aufmerksam zu machen., Tausende von ihnen wurden nämlich extra für die WM nach Deutschland geschleust, um als Prostituierte zu arbeiten.
Oder die Kampagne fair play for fair life. Die evangelische Kirche wirbt für fair hergestellte Fußbälle. Die Fußball-Weltmeisterschaft ist ein guter Anlass dafür, danach zu fragen, wie es Menschen in anderen Teilen der Welt ergeht. Zum Beispiel: Menschen, die ihr täglich Brot damit verdienen, dass sie Fußbälle herstellen. Wenn Fairness eine Spielregel Gottes für die Welt ist, dann fällt das Spielen mit Bällen schwer, die unter unfairen Bedingungen gemacht wurden.
Die großen Firmen zahlen nämlich für Bälle so wenig Lohn, dass Kinder mitarbeiten müssen, damit es zum Leben reicht. Bälle aus fairem Handel hingegen garantieren Mindestlöhne, sorgen für Schulunterricht der Kinder und medizinische Grundversorgung. Kosten tut das kaum mehr. Immerhin hat ein Bundesliga-Fußballclub, Werder Bremen, schon komplett auf faire Bälle umgestellt. Im Millionenetat eines Vereins spielt das praktisch keine Rolle.
Für die Betroffenen bedeutet es hingegen Bildung, Aufstiegschancen und ein Stück Gerechtigkeit. Was Paulus an die Korinther geschrieben hat, gilt ja durchaus auch im großen Maßstab: Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit. (1. Kor 12, 26)
Lied: Herr, gib mir Mut zum Brücken bauen Viele Themen des Sports haben einen deutlichen Bezug zu biblischen Themen: wenn Sportler von Fairness und Fairplay sprechen, dann ist das die sportliche Form der Nächstenliebe; wenn die Bibel von Barmherzigkeit redet, dann ist das im Sport die Achtung vor der Leistung anderer. Auch der Teamgeist lässt sich schon als biblisches Thema entdecken. Im 1. Korintherbrief zeichnet Paulus mit Worten das Bild vom Leib und seinen Gliedern.
In Korinth gab es offenbar Streit unter den Gemeindemitgliedern über die Gaben und Begabungen, die manche mehr, andere weniger hatten. Ob sich daraus besondere Rechte für vermeintlich besonders Begabte ableiten lassen, war heftig umstritten. Gibt es Christen erster und zweiter Klasse?
Nach Korinth schreibt Paulus dann von den verschiedenen Teilen eines Körpers, von Augen, Ohren, Händen, Kopf, Füßen und Nase. Alles ist aufeinander angewiesen. Eins geht nicht ohne das andere. Fällt ein Teil davon aus, leidet der ganze Körper. Alle sind aufeinander angewiesen, darum ist keines unwichtig. Darum gibts auch keinen Grund, dass sich irgendein Glied über ein anderes erhebt.
Paulus hatte seine Gemeinde und gewiss keine Fußballmannschaft vor Augen. Und doch kann ich mir gut vorstellen, wie seine Sätze auch für Sportler gelten könnten: Denn wir sind durch einen Teamgeist alle zu einer Mannschaft verbunden, seien wir Einheimische oder Zugereiste, Arme oder Reiche. Denn auch die Mannschaft ist nicht ein Spieler, sondern viele.
Wenn etwa ein Stürmer hoch gefeiert wird, weil er die Tore schießt und sein Name in aller Munde ist was wäre der Stürmer ohne die Verteidiger, und die Spieler, die ihm zuspielen? Ein einzelner kann noch so großartig sein; wenn er sich nicht in die Mannschaft einfügt, wird am Ende kein Sieg dabei herauskommen. Zusammenspiel, aufeinander Hören, abgeben können, andere machen lassen, Teamgeist das sind Voraussetzungen, dass Spiele aber auch das Leben gelingen können.
Zugleich ist das eine Herausforderung: Wer eine Mannschaft werden will, muss sich einig werden, immer wieder neu aufeinander zugehen, muss Grenzen und Möglichkeiten der Gegner und Mitspieler wahrnehmen und achten. Und was für das Spiel gilt, gilt für das ganze Leben: Fairness und Respekt, den anderen im Blick haben, seine Grenzen kennen, ihn nicht verletzen. Alles das ist nötig, damit das Leben gelingt. Gutes Miteinander, im Leben wie auf dem Spielfeld, wird möglich, wenn Fairness und Fairplay beachtet werden: dass Menschen achtsam leben, dass sie loslassen und abgeben lernen, dass sie bei allem etwas-schaffen-Wollen und gewinnen-Wollen es dann auch ertragen, wenn sie einmal nicht der beste sind.
Ein fairer Umgang miteinander ist viel mehr noch als das Beachten von Regeln. Es steht für eine Grundhaltung des Menschen: in allem achte den anderen, gerade auch den Gegner, weil mir an seiner körperlichen und seelischen Unversehrtheit liegt. Auch mein Gegenüber ist ein Mensch, der sich entfalten möchte. Er ist der Partner, ohne den ich nicht leben könnte und ohne den es im Sport keinen Wettkampf gäbe.
Solche Fairness ist gefragt, wo Menschen zusammen sind: in der Politik und am Arbeitsplatz, in der Schule und im Straßenverkehr. Fairness setzt eine Gesinnung voraus, die Jesus einmal so ausgedrückt hat: Alles, was ihr von anderen für euch erwartet, das tut ihr auch ihnen. (Matthäus 7,12).
Wir sind nicht allein unterwegs auf unserem Weg durch das Leben, wir leben immer in Gemeinschaft: als Sportler einer Mannschaft, als Eltern und Kinder einer Familie, als Schüler einer Klasse oder Kollegen eines Teams. Und als Christen leben wir als Teil einer Gemeinde. Keiner muss für sich allein Christ sein. Auch wenn es so scheint, als hätte es immer wieder christliche Einzelkämpfer gegeben: etwa Franz von Assisi, Albert Schweitzer oder Dietrich Bonhoeffer. Sie wagten viel und standen scheinbar allein gegen den Rest der Welt. Doch auch sie waren Glied am Leib Christi. Was wäre aus Franz von Assisi geworden, wenn nicht andere mit ihm das Leben in Armut geteilt hätten? Was hätte Albert Schweitzer tun können ohne Krankenschwestern, die bereit waren, mit ihm nach Afrika zu gehen, um dort Kranke zu pflegen? Und wie verzweifelt wäre Dietrich Bonhoeffer gewesen, wenn er sich nicht bis zuletzt von Verwandten und Freunden unterstützt gewusst hätte?
Ein Leib, viele Glieder. Kirche ist eine Gemeinschaft von Menschen, die da ist, nicht weil Menschen sich das überlegt haben, sondern weil Gott das möglich gemacht hat. Es gibt eine christliche Leichtigkeit des Seins: die hat ihren Grund darin, dass Christinnen und Christen sich untereinander und mit Christus verbunden wissen.
Zum Schluss: fair mit mir, fair mit anderen umgehen, da bin ich gefragt, das geht bei mir los, die Verantwortung dafür kann ich nicht auf andere abschieben. Und um die Kraft dazu kann ich letztlich nur bitten zum Beispiel mit Worten von Franz von Assisi: Herr, mach mich zu Boten deines Friedens, dass ich Liebe übe, wo man sich hasst, dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt, dass ich verbinde, wo Streit ist, dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum herrscht, dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält, dass ich Freude bringe, wo Kummer wohnt. Denn wer hingibt, der empfängt, wer sich selbst vergisst, der findet, wer verzeiht, dem wird verziehen, und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
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