Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.06.06, 7.45 Uhr, Stephan Kiepe-Fahrenholz

Fronleichnam

Dass am heutigen Fronleichnamstag, liebe Hörerinnen und Hörer, zum katholischsten aller katholischen Feiertage ein protestantischer Theologe vor dem Mikrofon sitzt,

ist Zufall. Ich will diesen Zufall und mit ihm die Gelegenheit beim Schopfe packen, um mal ein paar Minuten darüber nachzudenken, ob das Wort des Reformators Martin Luther, der Fronleichnam als „das schädlichste aller Feste“ und die Fronleichnams-prozessionen kurzerhand als Gotteslästerung bezeichnete, wirklich das letzte Wort ist, das aus evangelischer Sicht über den heutigen Festtag zu verlieren wäre.

Fronleichnam wurde im Jahr 1264 von Papst Urban IV. als allgemeines Kirchenfest zur Verehrung der Eucharistie, anders: des Abendmahls eingeführt. Die näheren Umstände müssen uns heute nicht unbedingt interessieren. Sehr wohl interessant finde ich aber, dass es sich um ein sozusagen genuin christliches Fest handelt, während die populären hohen Feiertage wie Weihnachten und Ostern historisch ja eigentlich christliche Umdeutungen ursprünglich heidnischer oder jüdischer Feste sind. Diese Erinnerung macht den Fronleichnamstag gewiss nicht zu etwas ganz Besonderem. Sie warnt aber umgekehrt doch davor, dieses Fest bloß als ein überflüssiges Abfallprodukt der Kirchengeschichte abzutun.

Das wurde es, jedenfalls aus protestantischer Sicht, erst im späten Mittelalter, als Fronleichnam und die Fronleichnamsprozessionen zum unmittelbaren Instrument zur Eintreibung von Ablassgeldern degenerierten. Und vor diesem Hintergrund wird auch das harsche Lutherwort, das ich eingangs zitiert habe, verständlich.

Keine Angst, ich will Sie nicht mit Geschichtsunterricht langweilen. Aber wenn schon in der Vergangenheit ein solches Fest recht unterschiedliche Akzentuierungen erfahren konnte, mag das ja auch für die Gegenwart denkbar sein. Wenn ich mich jedenfalls frage, was es denn bedeutet, wenn heute ein gewiss nicht mehr großer, aber doch unübersehbarer und schon äußerlich eindeutig als Kirche identifizierbarer Demonstrationszug durch meinen Stadtteil zieht, dann fällt mir die positive Antwort ein: die Kirche, gerade wenn sie innerhalb der Gesellschaft auf dem Rückzug und in der Defensive zu sein scheint, hat sich nicht als Fähnlein der letzten Aufrechten hinter festen Wagenburgen und dicken Mauern zu verschanzen, sondern gehört an die Seite der Menschen, auf die Straßen. Türen auf und raus.

Diese Sicht der Dinge findet sich auch in der Bibel. Den Verfassern des Hebräerbriefs im Neuen Testament ist zum Thema Kirche keine wie in Stein gemeißelte Organisation eingefallen, sondern das schöne Bild vom „wandernden Gottesvolk“, das nie ganz zu Hause, nie selbstzufrieden, fix und fertig, sondern immer auf der Suche nach den Spuren Gottes in dieser Zeit und Welt ist.

Gerade heute, wo vielfach gefragt wird, was denn Kirche überhaupt noch soll, ist dieses Bild, finde ich, aktuell wie nie. Angesichts der Aufgabe, es mit praktischem Leben zu füllen, ist es völlig egal, ob der eine evangelischer und die andere katholischer Konfession ist. Und um genau daran zu erinnern, kommt mir der heutige Fronleichnamstag gerade recht.

 

Audiobeitrag Fronleichnam


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