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Fußball
Nach Wochen, ach was, nach Monaten des Wartens ist sie endlich vorbei: die nervtötende Phase, da von der Werbung für Toilettenpapier über sämtliche denkbare Speisen und
Getränke bis hin zu weniger alltäglichen Gebrauchsgegenständen all und jedes in den Dienst der allgegenwärtigen FIFA-WM gestellt wurde, ohne dass auch nur ein einziger Ball geflogen wäre. Seit vorgestern wird auch Fußball gespielt.
Und schon die ersten vier, fünf Spiele haben gezeigt, dass den Fußball, nämlich den, der binnen neunzig Minuten auf einem grünen Rasen zwischen zwei Toren stattfindet, noch immer das ausmacht, was ihn immer ausgemacht hat: die Mannschaften geben, was sie können, manche sogar ein bisschen mehr, und die Zuschauer sind begeistert, weil sie in dem guten Willen gekommen sind, sich begeistern zu lassen. In der Zeitspanne zwischen An- und Abpfiff werden nicht nur die wirklich bedrängenden Probleme dieser Welt, sondern auch das ätzende Platzhirschgehabe der Herren Blatter und Beckenbauer, ja selbst das belanglose Geschwätz der flankierenden Sportjournalisten zur Nebensache neben der schönsten Nebensache der Welt.
Diese alles verschlingende, alles erschlagende und alles nivellierende Funktion des Fußballs wird oft, gern und auch durchaus zu Recht kritisiert, und dem entsprechend hat es noch nie, besonders nicht im Vorfeld einer WM, an entsprechenden mahnenden Zeigefingern gemangelt, die auf die verdummenden, die gewalttätigen und die jedes vernünftige Kostenmaß sprengenden Seiten des Fußballs hinweisen. Auch die quasi-religiöse Dimension des Gekickes und die messianische Aura der geistig meist eher schlicht bestückten Kicker erfreuen sich in den Kreisen jener, die stets das richtige Bewusstsein haben, kritischer Würdigung.
Das alles kann man so sehen und man muss es so sehen, jedenfalls manchmal. Das alles ändert aber dennoch nichts daran, dass es kein einziges anderes gesellschaftliches Phänomen gibt, das Arm und Reich, Hoch und Niedrig, ja inzwischen sogar Mann und Frau so zu gemeinsamer Freude und zu gemeinsamer Trauer zusammenschweißt wie eben der Fußball. Zugleich erzeugt er ein von allen geteiltes und mit Hingabe gepflegtes Niveau an Sachkunde und Diskussionsbereitschaft, das von keiner PISA-Studie getrübt werden kann.
Als ich, eingefleischter Schalke-Fan, gegen Ende der letzten Saison das Auswärtsspiel meiner Knappen in meiner Heimatstadt Duisburg besuchte, ließ ich mich angesichts des grottenschlechten Spiels der Schalker zu außerordentlich hässlichen und lautstarken Ausfällen gegen die gut spielenden Duisburger hinreißen, bis ich von einem wesentlich jüngeren bereits stark angetrunkenen Zebra-Fan zur Ruhe gebracht wurde. Ein Miniaturdrama zwischen Schuld und Sühne, für das die klassische Tragödie fünf Akte braucht. Dergleichen gibt es nur beim Fußball.
Im Ernst: Dass alle, wirklich alle eingeladen sind und trotz VIP-Logen und Ehrenkarten auch alle in elementarer Weise gleichberechtigt, ja sogar gleich sind: dieses letztendlich durchaus christliche Ideal in all seinen Widersprüchen und Brechungen wird heutzutage fühl- und greifbar einmal pro Jahr in der Christvesper am Heiligen Abend und ansonsten ausschließlich auf dem Fußballplatz. Und für diese Menschen verbindende Funktion ist es sogar egal, ob Deutschland Weltmeister wird oder nach dem übernächsten Spiel ausscheidet.
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