Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.06.06, 6.56 Uhr, Pfarrerin Viktoria Keil

Gottes Geist in uns

Es gibt Augenblicke, liebe Hörerin, lieber Hörer, da reißt der Heilige Geist aus allem heraus: Unbeschreibliche Angst hatte meine Urgroßmutter Jahrgang 1899 bei Gewitter.

Wenn es einmal nachts donnerte und blitzte, mussten wir aufstehen. Alle wichtige Kleidung wurde angezogen – das war im Sommer ziemlich heiß.  Zitternd setzten sich alle hinter die Haustür. In der Hand hatte meine Uroma die Tasche mit Familiendokumenten und Rentenbescheid.

Sie begann, ihre liebsten Gesangbuchverse aufzusagen: Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, ...(es soll uns doch gelingen.) Von diesem Augenblick an war ihre Angst gemildert. Das Donnergrollen versetzte sie nicht mehr in Panik. Für meine Uroma war das ganz einfach: Gott ist spürbar in meiner Not.

Sie hat sich Gottes Geist nicht wehend im Himmel vorgestellt. Auch ist Gottes Geist nicht allein in der Natur als ihre beseelende Kraft zu finden. Sondern Gottes Geist ist in meiner Seele spürbar.

Das hat sie ihren Kindern mit auf den Weg gegeben: wenn du Schutz suchst, bist du bei Gott richtig. Blitz und Donner haben für uns heute die lebensbedrohliche Dimension verloren. Jeder von uns hat seinen Blitzableiter auf dem Dach.

Blitz und Donner finden wir in einer anderen Dunkelheit:
Lena war 12 Jahre alt als sie mir erzählte:  Es ist doch egal, ob ich da bin oder nicht!
Es spielt keine Rolle, ob ich dies oder jenes mache, es ist alles gleichgültig, wie ich mich auch entscheide! Nichts kann ich richtig super. Tiefsitzende Ängste prägen die Jugendlichen und jeder hockt allein in seinem Gewitter.

Lena fand nicht ihren Platz in unserer durchrationalisierten, wirtschaftsseligen Welt:  Konkurrenzfähig und leistungsbereit soll sie sein.  Aber das war nicht ihre Selbstwahrnehmung. Im Konkurrenzkampf um die wenigen Ausbildungsplätze sah sie keine Chance für sich. Sie hat dann ein Diakonisches Jahr in unserer Kirchengemeinde gemacht.

Zuerst war sie schüchtern, sprach wenig und hatte Schwierigkeiten, auf Menschen zuzugehen. Die behutsame Begleitung durch viele Mitarbeiterinnen hat sie verändert. Sie merkte: Ich kann doch was, ich habe einen Ort gefunden, wo ich gebraucht werde. Ich kann auf Menschen zugehen und erlebe, dass ich Ihnen etwas bedeute.

Sie hat ihren Weg gemacht. Ich denke, der Heilige Geist hat ihr Leben in Bewegung gebracht.  Gott sitzt neben mir im Gewitter meiner Minderwertigkeitsgefühle und hilft mir in meiner Angst. Gottes Geist hat Lena geholfen, das Fürchten zu verlernen.

Lena hat ihren Weg gemacht, sie hat eine Ausbildungsstelle gefunden und ist zufrieden in der Hotelküche, in der sie heute arbeitet. Ob im Gewitter oder beim Erwachsen werden. Der Heilige Geist findet einen Weg, uns zu bewegen.

Audiobeitrag Gottes Geist in uns


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