Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.06.06, 5.56 Uhr, Silke Janssen

Gibt es einen Fußballgott?

Noch 62 Spiele bis zum Finale! Noch 29 Tage, bis eine Mannschaft und Nation stolz den Pokal in den Händen trägt.

Bis dahin beschäftigen sich Millionen von Menschen mit Siegen und Niederlagen, Punktekonten und Tabellenständen, mit Schicksalsspielen und gerechten und ungerechten Spielausgängen.

Wenn es mal bei einem Spiel nicht mehr nur um die Taktik geht und um die Frage, ob die Verteidigung bei diesem oder jenem Tor gepennt hat, dann geht es schon auch um Glück und Unglück. Um Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit. Und dann ist man ganz schnell bei der Frage, ob es im Himmel wohl einen Fußball-Gott gibt.

Nicht nur Zuschauer werden sich bei manchem Spiel fragen, ob da eine dritte Macht die Hände im Spiel hatte. Auch Spieler werden sich fragen, warum gerade dieses Spiel schief ging. Warum gerade jetzt die Zerrung sein musste oder der Knöchel verletzt. Warum gerade dieser Aussetzer, warum ausgerechnet dieser Ball, der doch so gut angeschnitten war, nicht ins Tor ging.

Die Frage nach einem Fußballgott, nach einem Gott überhaupt, stellt sich meistens erst dann, wenn etwas schief gegangen ist. Wenn es ungerecht zugeht, wenn Unglück oder Pech im Spiel ist. Kurz, wenn es der Mensch nicht mehr in der Hand hat, er es sich nicht erklären kann und es jenseits seines Einflusses liegt. Wenn offensichtlich eine dritte Kraft ihre Hand im Spiel hat.

Da wird dann ein Schuldiger gesucht. Ein Schuldiger oder ein Sündenbock für den unglücklichen Spielverlauf oder das ungerechte Ergebnis. Dem Fußball-Gott wird das Pech des einen, bzw. das Glück des anderen in die Schuhe geschoben. Offensichtlich steht dieser Gott, der die Ungerechtigkeiten zulässt, auf der Seite der Gewinner. Sonst wäre es anders gelaufen.

Nun, wenn zwei Mannschaften aufeinander treffen, dann muss es entweder immer ein Unentschieden geben. Das wäre langweilig und bei manchen Spiel geht das auch gar nicht. Oder es gibt eben einen Gewinner und einen Verlierer. Das ist so.

Nach meinem Gottesverständnis steht Gott nicht auf der Seite der Gewinner. Das Gewinnen lässt er zu genauso wie das Verlieren. Nach meinem Gottesverständnis steht Gott auf der Seite der Verlierer. Sonst hätte er seinen Sohn Jesus Christus in einem Palast und nicht in einem Stall zur Welt kommen lassen. Er hätte ihm von Anfang an ein Königreich geschenkt und ihn nicht als Säugling von einem König verfolgen lassen. Jesus hätte in Saus und Braus gelebt und sich nicht um Leprakranke und Bettler auf der Straße gekümmert.   

Nein, der Gott in der Bibel ist ein Gott der Armen und Schwachen. Er fühlt mit den Verlierern, weil er selber in den Augen der Menschen verloren hat, als er seinen Sohn hat kreuzigen lassen. Er hat in der Bibel versprochen, dass er denen beisteht, die mühselig und beladen sind, die in Not sind, die etwas verloren haben, die ein böses Schicksal ertragen haben.

Es gibt keinen Fußballgott in dem Sinn. Aber es gibt einen Gott, der versprochen hat, mitzugehen. In Siegen und Niederlagen. In den Schicksalsspielen auf dem grünen Rasen und in den Schicksalsspielen des Lebens. Er ist der, der mitgeht und das Leben in der Hand hält. Der Mensch kann nie tiefer fallen als in seine Hand.

Audiobeitrag Gibt es einen Fußballgott?


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