Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.05.06, 8.05 Uhr, Pfarrer Traugott Vitz

Gegen das Unrecht - 45 Jahre Amnesty International

28. Mai 1961. Die liberale britische Sonntagszeitung „The Observer“ bringt einen Artikel mit der Überschrift „The Forgotten Prisoners“ – „Die vergessenen Gefangenen“.

Der britische Rechtsanwalt und Menschenrechtsaktivist Peter Benenson hat ihn geschrieben. Der Artikel beginnt:

Sprecher: „Sie können Ihre Zeitung an jedem x-beliebigen Tag der Woche aufschlagen, und Sie werden einen Bericht von irgendwo auf der Welt finden, dass jemand gefangengenommen, gefoltert oder hingerichtet wird, weil seine Ansichten oder seine Religion unannehmbar für seine Regierung sind. Den Zeitungsleser überkommt ein übelkeiterregendes Gefühl von Ohnmacht. Und doch: Wenn diese Gefühle des Abscheus auf der ganzen Welt in eine gemeinsame Aktion vereinigt werden könnten, könnte etwas Wirksames getan werden.“

Autor: Peter Benenson hatte diesen Artikel verfasst, nachdem er in seiner Zeitung von zwei portugiesischen Studenten gelesen hatte, die verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt worden waren, weil sie in einem Lissaboner Restaurant ihr Glas gehoben hatten mit den Worten: „Auf die Freiheit!“. Aber im damaligen Portugal des Diktators Antonio Salazar war „Freiheit“ ein unerlaubtes Wort.

Benensons Artikel im Londoner Observer, gedruckt heute vor 45 Jahren, hatte Folgen. Etwa  30 Zeitungen druckten ihn umgehend nach; das Echo aus der Bevölkerung war riesig. Schon bald war klar: Die Kräfte reichen für mehr als nur eine einmalige Aktion, genau wie Benenson gehofft hatte. Sie reichen für beständige, organisierte Arbeit. So entstand „amnesty international“, eine Nichtstaatliche Organisation, die sich weltweit für Menschenrechte einsetzt. Seither haben viele Gefangene in vielen Ländern Unterstützung bekommen, viele verdanken amnesty ihre Freiheit, einige wohl auch ihr Leben.

In den Gruppen von amnesty international, die es auch in Deutschland gibt, arbeiten Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und politischer oder religiöser Überzeugung zusammen am gleichen Ziel. Es fällt auf, dass viele engagierte Christen darunter sind. Viele Jahre lang hat zum Beispiel die rheinische evangelische Kirchenzeitung „DER WEG“ ständig die „Gefangenen des Monats“ vorgestellt und um Bittbriefe zu ihren Gunsten gebeten. Für dieses Engagement der Christen gibt es einen Grund. --. Mein Name ist Traugott Vitz, ich bin evangelischer Gemeindepfarrer in Hilden bei Düsseldorf. 

Autor: Das Wort „Menschenrechte“ kommt in der Bibel nicht vor. Das ist auch nicht möglich, weil der Begriff erst seit der Philosophie der Aufklärung entwickelt wurde. Das heißt nun allerdings nicht, dass es zu Menschenrechtsverletzungen auch keine christlich begründete Stellungnahme geben könnte. Allerdings begründen Christen ihren Einsatz anders als es Humanisten tun würden. Philosophen sagen: „Der Staat muss bestimmte Freiheitsrechte der Menschen respektieren, weil sie ihm als Naturrechte quasi angeboren, mit seiner bloßen Existenz schon gegeben sind.“ Christen sagen: „Der Staat muss bestimmte Freiheitsrechte der Menschen respektieren, weil er sich sonst an die Stelle Gottes setzen würde, und dazu hat er kein Recht. Was Gott dem Menschen gibt und schenkt und unter Umständen sogar ausdrücklich unter den Schutz seiner Gebote stellt, das darf kein anderer Mensch nehmen – auch nicht der Staat.“

Was ein Jurist zum Beispiel das „Recht auf Eigentum“ nennen würde, ergibt sich in der jüdisch-christlichen Tradition daraus, dass Gott den Diebstahl verbietet. Entsprechend wird das „Recht auf Leben“ geschützt, indem Gottes Gebot sagt: „Du sollst nicht töten.“ Den Staat im heutigen Sinn gab es zu biblischen Zeiten freilich nicht, aber es gab den König. Wenn der sich etwas herausnahm, was ihm nicht zustand, dann konnte es geschehen, dass Gott selber den König in seine Schranken wies. Das geschah, indem er einen Propheten beauftragte.

So etwas ist dem bekannten König David passiert. Als der eines Tages auf dem Flachdach seines Palastes stand, sah er im Hof eines der Nachbarhäuser ein Frau, die ihm gefiel. Er ließ sie holen und machte sie zu seiner Geliebten. Es war die Frau eines seiner Offiziere, und der Offizier war im Krieg.  Die Frau wurde schwanger. Um den Ehebruch zu vertuschen, wurde der Soldat nach Hause geholt. Aber statt zu seiner Frau zu gehen, schlief er in der Kaserne. Jetzt blieb nur noch eins. Als der Offizier wieder an die Front reiste, gab David ihm einen Brief an den Oberkommandierenden mit. Inhalt: Dieser Offizier soll bei der nächsten Kampfhandlung im Stich gelassen werden und fallen. So geschah es. Davids Geliebte war Witwe; niemand würde etwas merken.

Da allerdings ließ sich ein Prophet bei David melden. Er tat so, als hätte er dem König einen Rechtsfall vorzutragen: Von einem Reichen, der zur Bewirtung seiner Gäste nicht eines seiner eigenen Schafe hatte schlachten lassen, sondern das einzige Schaf seines armen Nachbarn. David wird zornig und verkündet: „Der Mann ist des Todes, der das getan hat.“ Worauf der Prophet trocken erwidert: „Du bist der Mann.“ Und in der dann folgenden Rede wirft er dem König in erster Linie eins vor: Dass der das Gebot Gottes missachtet habe. Ehebruch und Mord sind nur die Anzeichen für die eigentliche Sünde: Dass der König sich über Gottes Willen hinweggesetzt, dass er sich an Gottes Stelle gesetzt hat. David damals war auf dieses Argument ansprechbar und sah sein Unrecht ein. Und ein heutiger Präsident oder Militärdiktator? Da wird’s schwierig.

Autor: Wenn man einem heutigen Machthaber vorhält, er verstoße gegen Gottes Willen, wird er womöglich mit den Achseln zucken. Gottes Wille ist ihm wahrscheinlich egal. Was ihm nicht egal sein kann, ist sein Ansehen in der Öffentlichkeit, in der internationalen Diplomatie, in den Handelsbeziehungen. Wer vor der Weltöffentlichkeit als Menschenrechtsverletzer dasteht, bekommt Probleme auf vielen Ebenen. Genau hier setzt amnesty international an: Bei dem Druck, den die internationale Öffentlichkeit ausüben kann, wenn sie denn gebündelt und koordiniert ist.

Peter Benenson schrieb in seinem Artikel von 1961:
Sprecher:„Der Erfolg von “Appeal for Amnesty” wird davon abhängen, mit welchem Nachdruck die öffentliche Meinung mobilisiert wird. (...) Der Druck der öffentlichen Meinung führte vor hundert Jahren zur Befreiung der Sklaven. Jetzt ist für die Menschen der Zeitpunkt gekommen, darauf zu bestehen, dass die Freiheit des Geistes, der Meinung und der Rede durchgesetzt wird, so wie einst die Fesseln von den Körpern abgestreift wurden.“

Autor: Zugegeben – damit ist in gewisser Weise der Druck der öffentlichen Meinung an die Stelle getreten, die zu Davids Zeiten die Drohung mit göttlicher Strafe gehabt hat. Wer an Gott glaubt, den wird diese Verschiebung nicht gerade freuen. Aber er wird sich freuen, dass es nach wie vor möglich ist, in der Tradition der biblischen Propheten Unrecht beim Namen zu nennen und dadurch zu bewirken, dass es aufhört.

Denn Erfolge hat amnesty international. Bei den sogenannten Eilaktionen verbessert sich in einem Drittel der Fälle die Lage des Gefangenen. Bei den längerfristigen Aktionen kann man in etwa der Hälfte der Fälle damit rechnen, dass der gewaltlose politische Gefangene frei kommt.

Der Schriftsteller und Politiker Vaclav Havel war von 1993 an zehn Jahre lang Präsident der Tschechischen Republik. Er ist eine der bekanntesten Persönlichkeiten, für die jemals Eilaktions-Briefe geschrieben worden sind. Er wurde von den damals noch kommunistischen tschechischen Behörden im Januar 1989 verhaftet, weil er an einer Gedenkveranstaltung teilnehmen wollte. Vier Monate später wurde er aus der Haft entlassen, nachdem eine Flut von Briefen und Faxen bei den Verantwortlichen angekommen war. Sein Résumée: "Mein Fall belegt, dass diese Form der Aktion Sinn macht und Erfolg bringt."

Ein anderes Beispiel ist der Fall von Anwar Ibrahim. Der ehemalige stellvertretende Ministerpräsident Malaysias hat sechs Jahre als gewaltloser politischer Gefangener in Haft zugebracht. Nach seiner Freilassung wies er bei einem Besuch der Londoner Zentrale von amnesty international auf die Wirksamkeit der Eilaktionen hin. Er war 1998 festgenommen worden, weil er Demonstrationen für politische Reformen organisiert hatte. Unter politisch motivierten Anklagen wurde er daraufhin zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt und kam erst 2004 wieder frei. Anwar Ibrahim ist überzeugt, dass die Appelle etwas bewirken können. Er sagt: „Sowohl aus meiner Erfahrung in der Regierung als auch im Gefängnis kann ich sagen, dass diese Briefe sinnvoll und effektiv sind“.

Ich sagte eben: „In der Tradition der biblischen Propheten Unrecht beim Namen nennen“. Das ist der eine Grund, der Christen bewegt, bei amnesty mitzumachen. Der andere ist die tief verwurzelte christliche Tradition der Fürbitte. Wenn man bittet, kann man seine eigenen Interessen im Blick haben, oder auch für jemand anderen bitten. Man kann das im Gebet vor Gott tun, oder auch als weltlicher Fürsprecher vor Menschen. Mitmachen bei amnesty kann man verstehen als eine ins Weltliche hinein verlängerte Fürbitte. Die tritt für einen Christen natürlich nie an die Stelle des Gebets, aber an seine Seite.

Im 1. Timotheusbrief heißt es: „So ermahne ich nun, daß man vor allen Dingen Bitten, Gebete, Fürbitten und Danksagungen für alle Menschen darbringe“. Für alle Menschen. Das Prinzip von amnesty, sich für Menschen aller Glaubensrichtungen einzusetzen, aller politischen Überzeugungen, aller Rassen und Meinungen, ist hier wiedergespiegelt. Ob Zeuge Jehovas oder Kommunist, katholischer Christ in einem moslemischen Gefängnis oder Moslem in einem amerikanischen Gefangenenlager, für amnesty macht das keinen Unterschied. Und für Christen sollte es bei der Fürbitte auch keinen Unterschied machen. Sogar die Machthaber, die man um einen Sinneswandel, eine Amnestie oder mehr Menschlichkeit bitten möchte, gehören mit in die Fürbitte hinein. Denn der Sinneswandel täte auch ihnen gut. An der gleichen Stelle im 1. Timotheusbrief heißt es, dass „Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“. Und die Wahrheit ist nun mal, dass Unterdrückung etwas mit der Angst der Regierenden zu tun hat und Angst allemal ein schlechter Ratgeber ist. Dass die Unrechtsregime dieser Welt ihre Zuflucht beim Recht nehmen statt bei der Macht – dafür zu beten und Briefe zu schreiben ist auch heute noch, 45 Jahre nach der Gründung von amnesty international, die Mühe der Christen wert.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag. Ich bin Traugott Vitz, evangelischer Pfarrer in Hilden bei Düsseldorf.

Audiobeitrag Gegen das Unrecht - 45 Jahre Amnesty International


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