Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.05.06, 10.00 Uhr, Pfarrer Eckhard Cramer

Beten = Lebensverbindung mit Gott + Fürbitte

Liebe Gemeinde, wenn’s um’s Beten geht, fällt mir immer wieder folgender Witz ein: Im Religionsunterricht fragt die Lehrerin die Kinder nach ihren Erfahrungen mit dem

Gebet. Ein Kind meldet sich: "Wir beten zuhause immer vor dem Essen." Daraufhin ruft ein anderes Kind: "Das brauchen wir nicht, unsere Mutter kocht gut." Beten ist etwas, was in unserer Gesellschaft kaum noch vorkommt. Ich habe mir im Internet verschiedene Umfragen aus den letzten Jahren zum Thema "Beten" angeschaut. Die Zahl der Deutschen, die angeben, regelmäßig zu beten, ist demnach stetig gesunken.

Im "stern" wurde vor einem Jahr eine Umfrage veröffentlicht,  nach der selbst von den Kirchenmitglieder nur noch 10% regelmäßig beten, z.B. bevor sie schlafen gehen oder vor dem Essen. Regelmäßiges Beten ist anscheinend aus der Mode gekommen.

Ganz im Gegensatz dazu werden wir in unserem heutigen Predigttext aufgefordert: "Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung!" "Seid beharrlich im Gebet" - das klingt so altertümlich, wie für viele Zeitgenossen das Beten insgesamt erscheint.

Mir ist aufgefallen, dass im Kolosserbrief nicht steht: "Sprecht ständig Gebete." oder "Betet rund um die Uhr". Das würde den tibetanischen Gebetsmühlen entsprechen, die ständig in Bewegung gehalten werden, damit der Strom der Gebetsworte ja nicht abreißt.

"Seid beharrlich im Gebet" - kann man auch übersetzen: "Lasst nicht nach im Beten", "Gebt euch ganz dem Gebet hin", "Bleibt beständig im Gebet". An diesen Formulierungen wird deutlich: es geht beim Beten nicht um das Sprechen von bestimmten heiligen Worten, auch nicht um die Häufigkeit und die Menge der Worte, sondern: Beten ist der Ausdruck einer Beziehung. Modern gesagt: Beten ist ein Kommunikationsgeschehen.  Menschen, die miteinander in Beziehung stehen, sprechen miteinander, tauschen sich aus. Wenn sie aufhören miteinander zu reden, wird ihre Beziehung darunter leiden, bzw. bald enden. Wenn wir beten, ist das Ausdruck unserer Beziehung zu Gott. Wer betet setzt sich in Beziehung zu Gott.

Dabei ist Beten kein einseitiges Geschehen. Gott hat schon längst zu uns gesprochen und wir antworten ihm. Gott spricht immer wieder zu uns. Es können Bibelverse, Liedtexte, Gespräche und vieles mehr sein, wodurch Gott mit uns redet. Gott hat eine große sehnsucht: mit seinen Menschen in Beziehung zu kommen. Er will mit uns zu tun haben. Deshalb hat er in und durch Jesus Christus alles zur Seite geräumt, was dieser Beziehung im Wege steht.

Seid Jesus Christus am Kreuz für uns gestorben und auferstanden ist, ist der Weg für die Gemeinschaft zwischen Gott und uns frei. Das ist das Evangelium, die Gute Nachricht, die Gott uns auf vielfältige Weise mitgeteilt hat und mitteilt. Und Gott freut sich darüber, wenn wir antworten. Nichts anderes ist Beten.

Gott ist in jedem Fall ständig auf Empfang. Ich kann jederzeit mit ihm Verbindung Aufnehmen. Für mich war das als Jugendlicher die große Entdeckung: Mit Gott kann ich immer, an allen Orten, zu allen Zeiten, in allen Situationen reden.

Ein halbes Jahr nach meiner Konfirmation hörte ich, wie in einer Predigt jemand erzählte, er könne jederzeit mit Gott sprechen: beim Spaziergang durch die Stadt, in der Warteschlange an der Supermarktkasse, beim Autofahren, am Arbeitsplatz usw.. Ständig sei er in Verbindung mit Gott, bzw. könne Gott sagen, was ihn gerade beschäftigt.

Mein Gedanke war damals: das möchte ich auch haben, diese Möglichkeit immer und überall mit jemandem reden können, der mir auch zuhört. Ständig loswerden zu können, was mich im Moment beschäftigt, vielleicht auch bedrückt und Sorgen macht, aber auch das, was ich gerade toll finde. Und das ohne besondere Vorbedingungen, nicht nur an besonderen heiligen Orten, nicht nur mit besonders heiligen Worten, sondern einfach so, wie ich sonst auch spreche. Immer mit Gott reden können - das fand ich damals einen faszinierenden Gedanken und das fasziniert  mich bis heute.

Die großartige Möglichkeit zu beten, war für mich als Jugendlicher der Grund die Beziehung zu Gott aufzunehmen. Und bis heute staune ich darüber, dass Gott für mich ständig auf Empfang ist.

"God is only a prayer away." - "Gott ist nur ein Gebet weit (von dir) entfernt." - diesen Satz habe ich irgendwo mal aufgeschnappt. Er ist mir zur Lebens- und Glaubenshilfe geworden.Der Kolosserbrief drückt das so aus: "Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danken!" "Wachen" ist nicht krampfhaftes Wachbleiben obwohl man müde ist. "Wachen" im Neuen Testament ist erwartungsvolle Ausrichtung auf den kommenden Tag. So richtet Beten unser Leben auf Gott hin aus. Besonders das Dankgebet hat diese Wirkung. Wenn wir danken für die guten Gaben, von denen wir leben, die unser Leben bereichern, dann kommt automatisch auch der Geber in den Blick.

"Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danken!" - Beten als Lebensbeziehung mit Gott - das ist die eine Seite unseres Predigttextes. Beten bringt uns darüber hinaus auch in Beziehung mit anderen Menschen, denn Beten hat eine Wirkung, die weit über unser Leben hinaus geht. Was das bedeutet, wie das aussehen kann, davon wird - nach einem musikalischen Zwischenspiel - die Rede sein.

Pfarrer:
Ich möchte ihnen, den Radiohörern,  jetzt Irene Nöh vorstellen. Sie ist für die Gemeinde in Holsterhausen keine Unbekannte. Irene Nöh hat in ihren letzten Berufsjahren in unserer Stephanusgemeinde als Gemeindepädagogin gearbeitet. Davor hat sie viele Jahre in Afrika gelebt. Im Auftrag der Vereinten Evangelischen Mission, Wuppertal, hat sie in Nambia und später in Tansania gearbeitet. Ich möchte Irene Nöh heute nach ihren Erfahrungen zum Thema "Fürbitte" befragen.

Irene - wenn Missionswerke über ihre Arbeit berichten oder Briefe verschicken betonen sie immer wieder "Unterstützen sie die Arbeit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch ihr Gebet!". Du hast selbst lange in der Mission gearbeitet, sind denn nicht Spenden wichtiger als Gebet?

Irene Nöh:
Nach meiner Erfahrung ist das eine so wichtig wie das andere. Im diakonischen Bereich ist finanzielle Unterstützung unbedingt nötig, z.B. in der Aidshilfe, ebenso bei der Armutsbekämpfung oder zur Förderung von Bildungseinrichtungen. Genauso wichtig ist aber das Gebet, die Fürbitte. In allen Arbeitsbereichen der Mission geht es doch darum: Menschen soll ganzheitlich geholfen werden, d.h. sie sollen der Liebe Gottes begegnen. Das jedoch kann mit Geld nicht erreicht werden. Damit unser Tun transparent wird für Gottes Liebe, sind wir auf seinen Segen angewiesen. Dieser Segen ist für uns unverfügbar. Wir können ihn nur selbst erbitten und andere bitten auch dafür zu beten.

Pfarrer:
Kannst du dich an Situationen erinnern, wo es für dich wichtig war zu wissen: Für mich wird gebetet?

Irene Nöh:
Ja, solche Situationen hat es häufig gegeben. Als ich z.B. 1988 nach meiner endgültigen Rückkehr nach Deutschland noch einmal meine sog. "Patenkreise", das waren Frauengruppen im Kirchenkreis Neuwied,  besucht habe, da hat es mich sehr berührt, dass viele Frauen mir versichert haben, seit meiner ersten Ausreise 1965 täglich für mich gebetet zu haben. Da wurde mir rückblickend noch einmal deutlich, wie ich die Kraft der Fürbitte in vielen Situationen ganz real erfahren habe. Ich bin sowohl in Namibia als auch in Tansania viel unterwegs gewesen, häufig unter sehr schwierigen Bedingungen, was die Straßenverhältnisse betrifft. Doch in all den Gefahren bin ich bewahrt geblieben und war niemals in einen ernstlichen Unfall verwickelt. Ich habe manche abenteuerlichen Begegnungen mit Giftschlangen und Skorpionen gehabt, aber es ist mir nichts passiert. Ich habe in Tansania Jahre lang in einer Malaria-verseuchten Region gelebt, doch ich bin niemals infiziert worden. Überhaupt bin ich in all den Afrika-Jahren niemals ernstlich krank geworden. Wenn ich also gefragt werden: "Hast du jemals die Kraft der Fürbitte konkret erlebt?" dann antworte ich: "Ja, das habe ich - nicht nur einmal, sondern viele Male."

Pfarrer:
Fürbitte hat eine große Kraft. - Vielen Dank, Irene, für deine persönlichen Erfahrungen. - Ich bin sicher, viele andere könnten jetzt ebenso von Erfahrungen mit Fürbitte berichten.

Auch der Apostel wusste um die Kraft der Fürbitte. Er weiß, dass all seine rhetorischen Künste, all seine theologischen Argumentationen es nicht schaffen, den Glauben in Menschen zu wecken, wenn Gott nicht die Türen der Herzen öffnet. Deshalb schreibt er an die Kolosser: "Betet auch für uns, damit uns Gott eine Tür für das Wort öffnet."

Damit macht er deutlich: Beten hat noch eine zweite Ausrichtung: Beten bringt uns in Beziehung zu anderen Menschen. Wer von dem Drehen um sich selbst, der dauernden Nabelschau befreit ist, weil er weiß: Gott hält mich, Gott ist ständig für mich da und auf Empfang, der wird frei auch andere Menschen, ihre Situationen, ihre Nöte und Sorgen in den Blick zu nehmen und sich damit zu beschäftigen. Wir dürfen nämlich nicht nur über uns und unser Leben mit Gott reden, wir dürfen mit Gott auch über andere reden. Nicht im Sinne von Tratsch und Klatsch, sondern in der Fürbitte, in der wir Gott für andere bitten.

Die zwei Ausrichtungen des Gebets können uns unsere Arme deutlich machen. Wir haben zwei Arme, wenn wir einen Arm nach oben strecken - als Symbol der Ausrichtung unsres Lebens auf Gott - haben wir noch einen Arm, den wir ausstrecken können zu einem anderen Menschen, um ihn z.B. damit zu halten und zu stützen. Wenn wir uns alle in einem großen Kreis aufstellen würden - geht jetzt nicht wegen der Mikrophone und Kabel - und jeder streckt einen Arm nach oben und berührt mit dem anderen den Nachbar oder die Nachbarin, wenn das alle machen, dann würden wir feststellen, dass alle gehalten werden und gleichzeitig deutlich wird, was uns eint.

"Beten ist für mich - Teamwork mit Gott selbst." - so hat es jemand auf eine der Karten geschrieben, die wir vorhin vorgelesen haben. Ist das nicht großartig, wir dürfen mit Gott "im Team arbeiten", d.h. sind beteiligt an dem, was er tut bei anderen Menschen und durch andere Menschen. Fürbitte ist "Teamwork mit Gott selbst."

Martin Luther hat es noch kräftiger ausgedrückt: "Christen, die beten, sind die Säulen, die das Dach der Welt tragen." Was für ein Bild. Was für eine Wirkkraft, die in der Fürbitte liegt. Welche Möglichkeiten der Mitarbeit für Menschen, die z.B. aufgrund ihres Alters, wegen eingeschränkter Möglichkeiten an Kraft, Zeit und Geld sich an praktischen Aufgaben nicht oder nicht mehr beteiligen können. Im Evangelium dieses Sonntags haben wir die Verheißung Jesu gehört: "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben."

Nun sagt jemand: "Ich würde ja gerne beten, ich würde auch gerne Fürbitte tun, aber ich weiß nicht konkret wie." Ich habe eine kleine Hilfe gefunden, die schon Kinder begreifen können, die aber auch für mein Gebet eine gute Anleitung ist.

Nimm zum Beten die fünf Finger deiner Hand als Hilfe:
Zuerst der Daumen. Nur wenn der Daumen Halt gibt, können die anderen Finger etwas greifen und festhalten. Danke Gott für alle Menschen, die deinem Leben Halt geben: deine Familie, die Beziehungen, in denen du Unterstützung erfährst.

Als nächstes der Zeigefinger. Mit ihm können wir auf etwas hinweisen, z.B. jemandem den Weg erklären. Bete für alle Menschen, die andere anleiten und ihnen helfen. Bete für Erzieherinnen, Lehrer und Ausbilder, für Menschen in der Kranken- und Altenpflege, für Hilfsorganisationen bei uns und in den Krisengebieten dieser Welt.

Der Mittelfinger ist der größte Finger. Bete für alle Menschen, die Einfluss und Macht in dieser Welt haben; z.B. für Abgeordnete, für Regierungen, für Wirtschaftsbosse und Medienschaffende.

Der Ringfinger ist der schwächste Finger deiner Hand. Er kann kaum etwas alleine tun. Erinnere dich an die Armen, die Schwachen, die Kranken, die Hungernden, die Trauernden und alle Menschen, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden.

Der kleine Finger ist der letzte Finger. Vergiss nicht dich selbst. Bete für die Anliegen, die dich persönlich betreffen.

Die fünf Finger einer Hand, eine einfache aber nützliche Anleitung für unser Gebet, allein oder auch gemeinsam.

Liebe Gemeinde,
Beten ist eine faszinierende Sache: Gott ist ständig auf Empfang. Wir können immer mit ihm sprechen. Beten ist Lebensbeziehung mit Gott. Wenn wir beten, sind wir an Gottes Werk beteiligt. Beten bringt mich in Beziehung zu meinen Mitmenschen.

Ich staune darüber und bin dankbar dafür. Und ich meine: Beten ist es wert, einen festen Platz in unserem Alltag zu erhalten.

Amen.

 


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen