Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.05.06, 6.56 Uhr, Pfarrer Albrecht Philipps

Erben

„Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen!“ Dieser Spruch hing bei meinen Schwiegereltern an der Wand im Wohnzimmer.

Er stammt ursprünglich von Goethe aus dem Faust. „Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen!“ Meine Schwiegereltern waren ostfriesische Bauern . Für Bauern ist Erben ein wichtiges Thema. Der Hof wird nicht aufgeteilt, sonst könnte man davon nicht leben. Schon nach ein paar Generationen wäre das Land in kleine Parzellen zersplittert. Also gab es immer nur einen, der den Hof bekam und andere, die leer ausgingen. In manchen Gegenden ist es der Jüngste, in anderen Gegenden erbt der Älteste.

Wer erbt, dem wird deutlich: Ich stehe in einer Kette von Generationen. Ich habe von meinen Eltern geerbt und die von ihren. Und ich werde es den Kindern weitergeben. Der Besitz ist keine Selbstverständlichkeit. Er gehört mir nicht in dem Sinne, dass ich ihn verbrauchen könnte, sodass am Ende nichts mehr davon übrig ist. Er ist die Lebensgrundlage, die mich ernährt und die schon viele Menschen vor mir ernährt hat. Der Spruch sagt auch: Um etwas wirklich zu besitzen, muss ich es mir auch verdienen. Ich muss es mir aneignen, um es gut nutzen zu können. Ja, ich muss mich sogar als würdig erweisen, dass mir das auch zusteht. Das kann Druck erzeugen. Mancher Hoferbe oder Familienunternehmer spürt diesen Druck auf seinen Schultern. War das überhaupt mein Weg, den ich gehen sollte, oder war da zu viel vorgezeichnet? Wenn ich das Erbe antrete, dann beginnt der Weg, auf dem ich mir das Vorgegebene aneignen muss. Nur dann kann ich es weiterentwickeln und später dann selbst auch weitergeben.

Erben ist aber nicht nur ein materielles Thema. So, wie Gegenstände, Land, Häuser und Firmen vererbt werden, so ist es auch mit geistigen Gütern. Es gibt auch ein geistiges Erbe. Der Apostel Paulus schreibt einmal einer Gemeinde: „Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Jesus Christus, denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt. Ihr seid in eurer Gemeinde nun nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau, sondern ihr seid einer in Christus. Wenn ihr aber zu Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen und Erben an der Verheißung.“ (Galaterbrief 3,26-29).

Erben durch die Taufe. Wer getauft ist, erbt eine Verheißung. Die Verheißung Gottes, dass er bei uns ist. Dass er uns leitet und begleitet, in guten und in bösen Tagen. Dass er uns eine Zukunft gibt, die selbst an der Schwelle des Todes nicht endet. Diese Verheißung erbe ich, ohne sie verdient zu haben. Ich muss für dieses Erbe nicht zeigen, dass ich ihm würdig bin. Die Kindertaufe macht das besonders deutlich. Schon als Kinder erben wir diese Verheißung Gottes, ohne uns dafür auch nur in Ansätzen als würdig erweisen zu können. Trotzdem gilt auch für dieses geistige Erben: erwirb es, um es zu besitzen! Eigne es dir an, damit es dir Halt gibt, wenn du diesen Halt brauchst.

Audiobeitrag Erben


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