Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.05.06, 6.56 Uhr, Pfarrer Albrecht Philipps

Hauptsache gesund?

Hauptsache gesund! Diesen Satz kennen alle, die ein gesundes Kind bekommen haben. Ob es ein Junge oder ein Mädchen geworden ist, das ist nicht so wichtig, Hauptsache,

es ist gesund. So sagen es wenigstens die Verwandten, die Nachbarn und die Freunde. Es ist wirklich ein überwältigendes Gefühl, ein neugeborenes Kind in den Armen zu halten und sich freuen zu können über dieses Geschenk. Kinder sind ein Segen. (Psalm 127)

Wer Kinder als ein Geschenk Gottes sieht, wird seine Zweifel bekommen an „Hauptsache gesund!“. Was heißt denn überhaupt „gesund“? Ist das Gegenteil von gesund krank? Ist ein Kind, das mit einer Behinderung auf die Welt kommt, ein krankes Kind? Für Eltern, die ein behindertes Kind großziehen, ist Mitleid oft das Schlimmste, was ihnen die anderen entgegenbringen können. Auch ein Kind mit einer Behinderung ist eine Gabe Gottes. Eine Gabe und eine Aufgabe für die Eltern und für die ganze Familie. Der Segen Gottes verwirklicht sich auch an Menschen mit einer Behinderung. Wie es für Eltern ist, ein behindertes Kind großzuziehen, sagt diese Geschichte:

Wenn man ein Kind erwartet, dann ist so, wie wenn man eine wunderbare Reise nach Italien geplant hat. Man deckt sich Reiseprospekten über Italien ein und plant die Reise. Man freut sich auf das Kolosseum, auf Michelangelos David, auf eine Gondelfahrt in Venedig. Es ist alles aufregend.

Nach Monaten ungeduldiger Erwartung kommt endlich der lang ersehnte Tag. Man packt die Koffer und los geht’s. Einige Stunden später landet das Flugzeug. Der Steward kommt und sagt: „Willkommen in der Schweiz!“ „Schweiz, was meinen Sie mit Schweiz?!“ Ich habe eine Reise nach Italien gebucht. Ich habe mein ganzes Leben davon geträumt, nach Italien zu reisen!“

Aber der Flugplan wurde geändert. Du bist in der Schweiz gelandet, und da musst du jetzt bleiben. Du bist keineswegs in einem armen oder unsympathischen Land angekommen. Aber die Schweiz ist anders als Italien.

Was du jetzt brauchst, sind neue Reiseprospekte. Du triffst andere Menschen als in Italien. Die Schweiz hat vielleicht nicht die kulturellen Reichtümer Italiens. Es ist ein anderer Ort, langsamer als Italien, ruhiger. Und vor allem: Hier musst du die Mühsal der Bergwanderung auf dich nehmen. Dabei wirst du erkennen, welche ungeahnten Kräfte in dir schlummern. Und bald entdeckst du nach den anstrengenden Wanderungen wunderbare Ausblicke und herrliche Landschaften. Du gewinnst einen ganz neuen Überblick.

Aber alle, die du kennst, sind damit beschäftigt, von Italien zu kommen oder nach Italien zu gehen. Und auch du denkst manchmal: „Ja, Italien, dorthin hätte ich auch reisen sollen, dorthin haben ich meine Reise gebucht.“

Aber wenn du dein Leben damit verbringst, dem verlorenen Traum der Reise nach Italien nachzutrauern, wirst du nie frei sein, die ganz speziellen und wunderschönen Reichtümer der Schweiz genießen zu können.

Vielleicht ist es so wie bei dieser Reise, die einen ganz woanders hinführt, als man sich das vorgestellt hatte. Aber eine Reise ist es allemal. Wohin Sie auch unterwegs sind und wer Sie dabei begleitet, die Reise wird sich lohnen und Sie werden daran wachsen.

Audiobeitrag Hauptsache gesund?


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