Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.05.06, 6.56 Uhr, Pfarrer Albrecht Philipps

Wachsende Ringe

Autor: Einmal vergleicht die Bibel den Menschen mit einem Baum. In Psalm 1. Dort heiß es:Sprecher:. „Wohl dem, er nicht wandelt im Rat der Gottlosen,

noch tritt auf den Weg der Sünder, noch sitzt, wo die Spötter sitzen, sondern hat Lust am Gesetz des Herrn und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht. Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl.“

Autor: Der grüne Baum, der auch in dürren Zeiten nicht verwelkt, der zu seiner Zeit seine Früchte trägt, dieser Baum wird zum Bild für den Menschen, der an Gott glaubt. So wie die Bäume ihre Kraft aus der Erde, aus dem Regen und aus dem Sonnenlicht bekommen, so bekommt der glaubende Mensch seine Kraft aus der Verbindung mit Gott.

Es gibt noch weitere  Gemeinsamkeiten zwischen Bäumen und Menschen. Die Wurzeln, die beide brauchen, um zu leben. Auch wenn der Mensch für sein Leben nicht an einen Ort gebunden ist, er braucht Wurzeln, um Halt auf dieser Erde zu finden. Beide brauchen Raum und Freiheit, um sich entfalten zu können. Die Bewegung, die nach oben drängt und den Himmel zu berühren scheint. Gemeinsam ist ihnen auch das Wachsen und das Vergehen, das Zurücksinken zur Erde.

Ein Gedicht von Rainer Maria Rilke führt diesen Vergleich weiter:

Sprecher:
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott,
den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht:
bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Menschen wie Bäume brauchen Zeit, um zu werden, was sie sind. Mit der Zeit bekommen sie die Gestalt, die ihnen vorgegeben ist. Als Kinder haben wir oft die Jahresringe eines Baumes gezählt und darüber gestaunt, wie alt doch so ein Baum werden kann. An ihnen kann man ablesen, wie die Zeit war, als der Jahresring wuchs. War es ein trockener Sommer; war es ein langer, feuchter Winter? Beschädigungen und Krankheiten hinterlassen ihre Spuren.

Bei uns Menschen liegen die Jahresringe nicht so offen zu Tage wie bei einem Baum. Aber auch wir kennen Jahreszeiten des Lebens: Kindheit und Jugend, Reife und Alter. Und jede Zeit bringt ihre Ringe hervor. Unsere Jahresringe sind die Erfahrungen, die wir machen. Sie sind vorhanden und prägen uns mit den Jahren. Sie ziehen sich über die Dinge, wie Rilke sagt.

Aber so sehr in unserem Leben die Jahresringe auch wachsen, die letzte Vollendung unseres Lebens liegt nicht in unserer Hand. Den letzten Jahresring, der alle anderen umschließt, diesen letzten Ring, der das Leben abrundet, den „werde ich vielleicht nicht vollbringen.“ Etwas bleibt unangeschlossen. Denn die Vollendung meines Lebens liegt in Gottes Hand.

Audiobeitrag Wachsende Ringe


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