Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.05.06, 8.56 Uhr, Pfarrer Albrecht Philipps

Glück oder Unglück

Autor: „Wer weiß, wofür es gut ist!?“ Sie kennen diesen Spruch. Eine Reise kann nicht angetreten werden wegen einer Krankheit. Berufliche Pläne lassen sich doch nicht

verwirklichen. Irgendwie wird es schon sein Gutes haben, denke ich dann, und komme so vielleicht besser über die Enttäuschung hinweg. Was um mich herum passiert, was ich erlebe, das soll doch auch einen Sinn haben. Diesen Sinn aber auch zu finden, das ist manchmal nicht einfach. Vieles kann ich eben doch nicht erklären.

Im Alten Testament gibt es ein Buch, das sich mit dem Glück und dem Unglück des Menschen beschäftigt. Das nach dem fragt, was wir Schicksal nennen. Und es kommt zu der Erkenntnis: „Alles hat seine Zeit“ und „Es gibt nichts Neues unter der Sonne.“ Alles wiederholt sich und für alles gibt es eine bestimmte, festgesetzte Zeit. Das gar nicht pessimistisch gemeint. Nein, Wiederholung sind etwas Gutes: Es gibt eine feste Ordnung. Wiederholungen geben Sicherheit, Naturgesetze schaffen Verlässlichkeit. Wo kämen wir hin, wenn es immer nur völlig Neues geben würde: Kein Mensch würde sich mehr zurechtfinden.

Alles, was auf der Erde geschieht, ist von Gott im voraus bestimmt, das ist die feste Überzeugung, die aus diesem Buch spricht. Deshalb sind Glück und Unglück keine Zufälle, sondern gehören zu Gott, beides kommt von ihm. Da können wir dann zum Beispiel lesen:

Sprecher:  „Das Beste, was der Mensch tun kann, ist, sich zu freuen und sein Leben zu genießen, solange er es hat. Wenn er zu essen und zu trinken hat und genießen kann, was er sich erarbeitet hat, dann verdankt er das der Güte Gottes“ (Prediger 3, 12f).

Autor:  Die Kunst, das Glück auch wirklich genießen zu können, besteht demnach darin, das Glück als Geschenk zu entdecken. Als unverdientes, von Gott geschenktes Glück. Glück verdanken wir uns nicht selbst. Es ist eine Lebensaufgabe, das, was ich nicht ändern kann, einfach anzunehmen und nicht vorschnell versuchen, in allem einen Sinn zu sehen. Besser ist es, eine Gelassenheit zu entwickeln und zu sagen: Glück und Unglück liegen oft so nah beieinander. Wie in dieser Geschichte:

Sprecher: Einer Bäuerin lief eines Tages ihr Pferd davon und kam nicht mehr zurück. Da hatten die Nachbarn Mitleid mit ihr und sagten: „Du Ärmste! Dein Pferd ist dir davongelaufen. Welch ein Unglück!“ Die Bäuerin antwortete: „Wer weiß, ob es ein Unglück ist?“

Nach einigen Tagen kehrte das Pferd zurück und brachte ein Wildpferd mit. Da riefen die Nachbarn: „ Erst läuft dir dein Pferd davon und dann bringt es noch ein zweites mit! Was hast du für ein Glück!“ Die Bäuerin schüttelte den Kopf: „Wer weiß, ob das ein Glück ist?“

Das Wildpferd wurde von dem ältesten Sohn eingeritten. Dabei stürzte er und brach sich ein Bein. Die Nachbarn kamen und riefen: „Welch ein Unglück!“ Die Bäuerin wiegte wieder nur den Kopf und sagte: „Wer will wissen, ob das ein Unglück ist?“ Kurz darauf kamen die Soldaten des Königs ins Dorf und zogen alle jungen Männer für den Kriegsdienst ein. Den ältesten Sohn der Bäuerin ließen sie zurück – mit seinem gebrochenen Bein. Da riefen die Nachbarn: „Was für ein Glück! Dein Sohn wurde nicht eingezogen!“ Die Bäuerin aber antwortete: „Wer sagt denn, dass dies ein Glück ist.“

Die Dinge so anzunehmen, wie sie sind, das ist eine große Kunst und das hilft, ein glückliches Leben zu führen. Ich glaube, das kann man auch lernen, wenigstens teilweise. Und wir können Gott darum bitten, dass er uns diese Gelassenheit im Leben schenkt: Herr, gib mir Gelassenheit, die Dinge zu ertragen, die ich nicht ändern kann. Gib mir die Kraft, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und gibt mir die Einsicht, das eine vom andern zu unterscheiden.

Audiobeitrag Glück oder Unglück


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