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Leben statt lesen
Dinge, die die Welt nicht braucht. Für mich auf einem der ersten Ränge: Ratgeber. Wie eine Seuche haben sie sich in den letzten Jahren ausgebreitet.
Jede Buchhandlung, die etwas auf sich hält, verfügt längst über eine eigene Abteilung Lebenshilfe. Das Fernsehprogramm bietet Servicezeiten und Ratgebersendungen. Die Frauenzeitschrift wirbt mit dem Dossier So machen sie sich das Leben leichter. Und ich denke; das weiß ich schon selbst; indem ich mich nämlich vor diesen ungebetenen Ratgebern schütze.
Alles und jedes wird seit neuestem zum Thema von zum Teil selbsternannten- Fachleuten. Dinge, die einmal selbstverständlich waren, muss man heute erlernen. Das jedenfalls will uns der Ratgeber boom glauben machen: die Freizeit gestalten, Geschenke machen, Gespräche führen.
Jeder Lebensbereich kann optimiert werden, heißt ihre Botschaft: Partnerschaft, Gesundheit, Geld, Arbeitsplatz.. Auf diese Weise signalisieren mir die allgegenwärtigen Ratgeberrubriken; bei dir, in deinem Leben ist etwas nicht in Ordnung. Meine Ansprüche an mich selbst und an meine Umgebung werden in unerreichbare Höhen geschraubt. Statt mich an dem zu freuen, was ist, hechle ich Idealen hinterher, die noch nicht mal meine eigenen sind. Statt zu fragen, was ich wirklich brauche, unterliege ich der Macht der schönen Bilder und der Versuchung, Zufriedenheit im Perfektionismus zu suchen.
Das Schlimmste aber:In der professionellen Beratungsarbeit wird die Hilfesuchende an einem bestimmten Punkt in die Selbständigkeit entlassen. Bei Ratgeberbüchern fehlt dieser Schnitt. Entweder weil sie Leserinnen und Leser mit immer neuen Produkten und Themen binden oder: weil ich nicht von ihnen loskomme. Solange ich lese, mich immer weiter und weiter vergewissere, muss ich nichts tun. Statt ein Problem wirklich anzugehen, analysiere ich es, spiele es durch, entwickle mich zur Spezialistin. Nur das Risiko, das jede Veränderung bedeutet, das scheue ich. Den ersten Schritt zur Lösung meines Problems, den gehe ich nicht.
Wenn ich also wirklich etwas ändern will, könnte das bedeuten : Ratgeberbücher verbrennen. Und mich rückbesinnen auf einen Rat aus einem Buch, das in anderer Weise Lebenshilfe gibt. Die Bibel.
Auch dort gibt es Aufforderungen. Eine ist äußerst bündig: Prüfet alles, das Gute behaltet. Ein Satz, der interessanterweise am Ende einer ganzen Reihe von Handlungsanweisungen zur kritischen Auseinandersetzung auffordert. Prüfet alles, das Gute behaltet. Auch ein Ratschlag, aber einer, den ich gerne höre. Weil er uns Menschen für kompetent hält, selbst zu entdecken, was gut und richtig für uns ist. Prüft selber, was euch gut tut, sagt er. Vertraut auf eure Intuition, nutzt das Wissen in eurer Umgebung. Ein Rat, der nicht auf irgendwelche Ideale zielt, sondern von unseren Fähigkeiten ausgeht. Der Kompetenz genau da voraussetzt, wo Gott sie angesiedelt hat, bei uns selbst. Der zutraut. Wir dürfen probieren. Leben statt lesen.
Leben statt lesen
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