Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.05.06, 5.56 Uhr, Beate Raguse

Staunen

Es war faszinierend, diese Menschen zu sehen. Reihenweise saßen sie dort, gebannt, mit angehaltenem Atem, keine Bewegung, kein Mucks.

So verfolgten sie das Geschehen in der Manege. Mit offenen Gesichtern und großen Augen verließen viele das Zelt. hingerissen von den  Einfällen des Clowns, von den artistischen Leistungen.  Was der Mensch alles kann! Die Begeisterung stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Selbst ich finde es ist  unglaublich beeindruckend , was staunende Menschen ausstrahlen.  Welche Lebendigkeit, Leidenschaft,  und ansteckende Freude. Und auch deshalb bin ich froh Achim zu kennen, denn er ist der größte Stauner, den ich kenne. Wer ihn in der Werkstatt für Behinderte zum erstenmal sieht, dem fallen sofort sein aufmerksamer Blick und seine hellen, lebendigen Augen auf. Die reißt er noch weiter auf, wenn er sich wundert.

Und er staunt viel. Denn Achim besitzt keinen Kalender und Uhrzeiten bedeuten ihm nichts.  Geplantes ist ihm fremd. Was geschieht, ist ein Geschenk. Wenn er  nach der Arbeit  noch zum Kegeln abgeholt wird. Wenn der ehemalige Mitarbeiter zu Besuch kommt. Alles ist überraschend, aufregend, Grund, sich zu freuen.

Und es gibt noch einen zweiten Grund, warum Achim solch ein begnadeter Stauner ist. Er sieht das Detail. Er entdeckt die Fähnchen über der Straße, die das Fest am kommenden Wochenende ankündigen. Er bemerkt den Zug mit den unzähligen Autos, der über die Brücke fährt. Und als jemand der nur wenige Worte sprechen kann, staunt er über jedes Gespräch. Darüber wie man sich  mit wenigen Worten austauschen kann, während er  viel Mühe und Phantasie braucht, um deutlich zu machen, was er will. Achim staunt, wo wir nichts Staunenswertes mehr entdecken. Z.B wenn Resi auf einem Bein durchs Zimmer hüpft, oder  Markus im Schwimmbad vom Beckenrand ins tiefe Wasser springt

Das Leben als etwas Kostbares empfinden, das ist Staunen. Sich überraschen lassen, aufmerksam sein und wahrnehmen, sich beschenkt wissen, „Ja“ sagen zur Schöpfung und „wunderbar“, zu sich selbst, zu seinen Möglichkeiten. All das ist staunen. Und deshalb ist staunen nichts weniger als eine ganz besondere Art, Gott zu loben. Oftmals ohne Worte, weil die richtigen Worte fehlen. Die Augen weit aufgerissen, der Mund  steht offen, aber kein Ton kommt heraus. Und doch sagt jede Faser: danke.

Also, lassen Sie uns unseren Schöpfer loben, indem wir staunen. Über großartige Leistungen, das Schillern der Seifenblasen, über all die Wunder in der Natur, die der Mai uns bringt, über das Stehen können auf einem Bein und über das Springen vom Beckenrand und die unzähligen kleinen Dinge, die Tag für Tag so vorzüglich funktionieren.

 

 

Audiobeitrag Staunen


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