Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.05.06, 5.56 Uhr, Beate Raguse

Gebrochenes Licht

Wenn die Besucher die Installation im Grazer Kunsthaus betreten, verlangsamen viele ihren Schritt, wenden sich ihrem Begleiter zu, suchen Halt.

Denn wer durch den schmalen Eingang tritt, befindet sich plötzlich  – im Nichts. Jedenfalls scheint es so. Von der schneeweißen Wand wird Licht ins Rund projiziert. Das Auge sucht vergeblich nach Orientierung. Ohne Bezugspunkte geht das Gleichgewicht verloren. Nach einiger Zeit setzen sich die meisten auf den Boden. Geerdet können sie sich auf die Möglichkeit zur ungewöhnlichen  Wahrnehmung einlassen. Das pure Licht.

Wer hier sitzt, bekommt eine neue Idee davon, was helles Licht ist. Wer bisher nur die wohldosierte Helligkeit der heimischen Lichtquellen kannte, erfährt hier: Im puren Licht sehe ich nichts, nicht die Wand, die den Raum begrenzt, nicht den Ursprung des Lichtes. Nur Weite; pures Licht erzeugt den Eindruck von unendlicher Weite, von Unendlichkeit.

Und deshalb versteht, wer hier sitzt, sie möglicherweise neu; die biblische Rede vom Licht. „Ich bin das Licht der Welt“, sagt Jesus. Ein helles Licht leuchtet über seiner Geburt, er bringt Licht in das Leben der Menschen. Das Licht des Lebens verspricht er.

Weiß, die Farbe des Lichtes und der Klarheit, ist deshalb die Farbe Christi. Als liturgische Farbe ist sie den hohen Festen vorbehalten. Wer am Himmelfahrtstag den Gottesdienst besucht, sieht weiß. Altar- und Kanzelbehang tragen traditionell die Farbe, ein aufmerksamer Küster hat den Altar mit einer weißen Lilie oder einem Strauß sehr heller Narzissen geschmückt. Von Ostern an bis zum Samstag vor Pfingsten erinnert das Weiß an das Licht des Lebens, das in der Auferstehung Jesu für alle Menschen aufgeht.

Das helle Licht ist Symbol für Gottes Herrlichkeit.  Doch auch die Bibel berichtet davon, dass das reine Licht in seiner Helligkeit für den Menschen nicht zu ertragen ist. Die Offenbarung schildert, dass nur der Thron Gottes weiß leuchtet. In den Auferstehungsgeschichten sind es die Gewänder der göttlichen Boten. Hell leuchtend sind sie  Abglanz. Lassen sie die Leuchtkraft des Lichtes erahnen, von dem sie kommen.

Weiß ist die Farbe der Unendlichkeit, der Herrlichkeit, der Auferstehung. Und das möglicherweise noch aus einem weiteren Grund: Wenn eine Beziehung zerbricht, bedeutet das Schmerz. Wenn Glas bricht, müssen wir Scherben kehren. Schlimm ist, wenn das Vertrauen bricht. Nur wenn weißes Licht bricht, dann ist das kein Ende, dann entsteht etwas Neues. Wenn der helle Sonnenstrahl im Regen gebrochen wird, erscheint ein Regenbogen. Wenn weißes Licht bricht, entstehen Farben. Das gesamte Spektrum. Rot, orange, gelb, grün, indigo, blau, violett, so wird Gottes Bund sichtbar. Gottes Farben für die Welt. Orientierungspunkte aus dem unendlichen Licht.


 

Audiobeitrag Gebrochenes Licht


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