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Fluch und Segen
Karin ist Abteilungsleiterin. Die Atmosphäre unter ihren Mitarbeiterinnen ist gut. Der Chef hebt oft ihre Fähigkeiten hervor.
Karin surft und joggt, einmal die Woche besucht sie einen Rhetorikkurs. Ab und an hat sie Probleme mit ihrem 17 jährigen Sohn. Aber sonst läuft alles rund. Trotzdem: wer sie kennen lernt, dem fallen früher oder später ihre ständig geröteten Wangen auf. Egal, ob gerade ein größeres Projekt ansteht oder ob alles ruhig läuft. Karin steht ständig unter Dampf. Qualität, Schnelligkeit und Fehlerlosigkeit heißen die Disziplinen ihres ganz persönlichen Dreikampfs. Und Karin kennt keine Wettkampfpause.
"Das ist mein Fluch", hat sie mir erzählt, als ich sie bei einer Besinnungswoche kennen lernte. Ich war zunächst verwundert. Mächtige Flüche, die gibt es im Märchen, dachte ich damals. Die hatten mit Feen zu tun, die mit einem bösen Wunsch das Leben der Königstochter gefährden konnten. Fluch kommt auch in der Bibel vor. Die älteren Schriften kennen ihn noch im Gegensatz zum Segen. Im Neuen Testament hat Gottes Heilsbotschaft dem Fluch den Garaus gemacht. Anders in Karins Leben.
"Du musst gut sein" so heißt die Botschaft, die ihr das Leben schwer macht. Unzählige Male hat sie sie als Kind gehört, hat es gespürt am Verhalten ihrer Eltern. Mit einer älteren Schwester, die ständig krank war, Zeit und Aufmerksamkeit beanspruchte. Der die Sorge der Mutter galt. Da durfte Karin nicht auch noch auffällig werden, keine Ansprüche stellen, Bedürfnisse äußern. Wenigstens bei der Jüngeren musste alles glatt laufen. Eine "Zwei" in der Schule war Standard. Kein Lob wert, vielleicht ein Nicken. Gute Leistung war normal, keine Freude, keine Anerkennung wert. Das ist bis heute geblieben.
Karins Fluch ist eine Art Bannspruch. Eine Zuschreibung, die das individuelle Entwickeln in eine ganz bestimmte Bahn lenkt und viele Seiten der Persönlichkeit unterdrückt. Auch mal unbefangen sein dürfen, einfach in den Tag leben, kindlich, frei, Grenzen ausloten und Stärke erfahren, zweckfrei, eigenen Bedürfnisse zulassen. Eben, Kind sein dürfen, auch Gottes Kind. Nicht immer nur zu sorgen und zu funktionieren, sondern auch getragen werden. Nicht nur geliebt sein für meine guten Seiten, sondern so wie ich bin.
Fluch war für mich immer etwas, was in längst vergangene Welten gehört. Seit ich Karin kenne, weiß ich, wie mächtig er auch heute wirken kann. Und wie viel Anstrengung es bedarf, sich dem entgegenzustellen. Und ich verstehe neu, wie wertvoll Gottes Segen ist. Denn Segen ist ein guter Wunsch Gottes. Meistens ist es eine konkrete Aufgabe, für die ein Mensch gesegnet wird. (Immer wieder neu.) Für heute will er Fähigkeiten stärken, die wir brauchen. Welche das sind bleibt offen, es wird sich erweisen. Denn Segen stülpt nichts über, sondern stärkt das, was da ist. Segen ist die Zusage Gottes, dass wir uns entfalten und wachsen dürfen. Mit alldem, was in uns angelegt ist.
Fluch und Segen
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