Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.05.06, 5.56 Uhr, Beate Raguse

Stau

Es fing bereits an zu dämmern. Ich suchte den Zubringer und fuhr im Kreisverkehr zu früh raus. Zweispurige Straße, keine Abfahrt zu sehen.

Ich ordnete mich  links  ein, irgendwo muss es doch eine Wendemöglichkeit geben. In der Ferne endlich eine Durchfahrt, die Gelegenheit zu drehen. Beim Näherkommen sah ich das Schild, rund ist es, mit  roten Rand darauf eine Straße, die eine 180 Grad Kurve macht und darüber ein dicker roter Strich  „Wenden verboten“. Dann kam es, wie es kommen musste, der Verkehr wurde dichter, kam zum stehen.

Klasse, denk’ ich, schaue hinaus, trommele auf dem Lenkrad herum, sehe auf die Uhr, der Auflauf dürfte langsam trocken werden, in einer Stunde wollte ich im Bett liegen. Überhaupt: warum bin ich länger auf der Messe geblieben, das wäre auch ohne mich gegangen. Hätte, wäre, wo könnte ich schon sein.  So stehe ich, denk’ nach und schaue, lehn’ mich zurück und atme tief aus, ein Flugzeug startet, ich folge ihm mit den Augen, sehe ein Stück blauen Himmel. Schön klar ist es heute, scheint ein warmer Tag gewesen zu sein.

Ich schloß die Augen. Mein Magen knurrte. Was habe ich heute eigentlich gegessen? Im Handschuhfach ein abgegriffenes Pröbchen Kekse. Na ja. Und das Ticket von der Fährüberfahrt.. 20 September 21.20 Uhr. Ist das schon wieder solange her?

Den ganzen Tag draußen, mal ein Buch, nur einen Ausflug und sonst: Sand, blaues Wasser, treiben lassen, gucken. Kein Programm. Keine Pläne. Nicht mal Postkarten geschrieben. Wie erholt wir ausgesehen haben. Wie gelassen wir waren in der ersten Zeit nach dem Urlaub.

So hing ich meinen Gedanken nach. Zwanzig Minuten, dann löste sich der Stau auf. Zeit verloren, ein Stück zu mir gefunden.

Es soll ja Menschen geben, die sich feste Zeiten eingerichtet haben- und diese auch noch einhalten. Zeiten für sich, Zeit, um zur Ruhe zu kommen, zu Gott, ihr Tun  zu bedenken, ihre Mitte zu finden. Ich gehöre nicht dazu. Aber: ich weiß sie zu schätzen. Diese Auszeiten im Alltag. Nicht  sofort, aber meistens doch nach einer kurzen Weile. Das stundenlange Sitzen beim Orthopäden, warten auf den verspäteten Zug, Fensterputzen, das Aufräumen der Kramschublade. Ein Foto, ein persönlicher Brief unterbricht das Kreisen der Gedanken, ein zufälliges Treffen mit einer Schulkameradin im Zoo. Was hatten wir damals für Pläne.

Stau im Alltag,  Momente des Innehaltens. Da erweist sich der reibungslose Ablauf, der Fluss des Verkehrs als das Verkehrte und das Verharren, der Stau wird zum Segen. 

Stau im Alltag tut gut. Stille Zeiten einhalten, dass schaffe ich nicht. Dazu bin ich einfach zu unorganisiert. Aber: seit mir aufgefallen ist, dass  es ein Verkehrsschild gibt, dass „Umkehr verboten“ signalisiert, achte ich auf der Autobahn auf die blauen Schilder. Die, die mitten am Tag  zum Parkplatz locken.

Audiobeitrag Stau


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen