Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.05.06, 7.45 Uhr, Stephan Kiepe-Fahrenholz

Osterspaziergang

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick; im Tale grünet Hoffnungsglück. Der alte Winter in seiner Schwäche zog sich in raue

Berge zurück.  Von dorther sendet er fliehend nur ohnmächtige Schauer körnigen Eises ...
 
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 Der berühmte „Osterspaziergang“ aus Goethes Faust bringt zum Aus-druck, was viele von Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, heute vielleicht auch empfinden: Raus aus der Bude, hoffentlich ein paar Sonnenstrah-len genießen, und sich fernab von Stress und Hektik vergewissern, dass die winterliche Depressivität vorbei ist und das Lebensgefühl end-lich wieder von Licht und frischer Luft geprägt wird.

Das spiegelt sich auch in allerlei volkstümlichen Bräuchen, die mit dem Ostermontag verbunden sind. In Traunstein im Chiemgau zum Beispiel wird heute der so genannte Georgiritt begangen, auf dem mit einem Schwertertanz symbolisch der Winter vertrieben wird. In manchen länd-lichen Gegenden kommt es heute zum österlichen Feldumgang, bei dem der Bauer zusammen mit der gesamten Hausgemeinschaft das Winterfeld mit der Roggen- und Weizenaussaat abschreitet.

Weniger populär und weitgehend unbekannt ist in unseren Tagen, dass die Feier des Ostermontags einschließlich des dazugehörigen Spazier-gangs eigentlich auf eine Geschichte aus der Bibel zurückgeht.

Im Lukasevangelium wird erzählt, wie zwei ehemalige Anhänger Jesu, noch ganz unter dem Schock seines gewaltsamen Todes am Kreuz, ei-nen Tag nach Ostern von Jerusalem in die Ortschaft Emmaus wandern. Unterwegs stößt ein Dritter zu ihnen, hört sich eine Weile ihr Klagen
über den Verlust Jesu und ihre Trauer über das Scheitern all ihrer Hoff-nungen an und meint schließlich: Das musste so sein. Gerade weil er das alles, was ihr beklagt, mitgemacht hat, kann der, auf den ihr eure Hoffnung gesetzt habt, auch wirklich eure Hoffnung sein. Das Eine ist nicht zu haben ohne das Andere. Die beiden Wanderer kapieren das nicht. Erst abends, als der Fremde beim Essen das Brot bricht, erken-nen sie, dass der Auferstandene selbst ein Stück Weg mit ihnen ge-gangen ist.

Auch in dieser alten Geschichte geht es um Licht und Luft und um den Abschied von der Depression. Allerdings nicht irgendwo und irgendwie, nicht im luftleeren Raum. Mitten in den fruchtlosen Austausch trübsinni-ger Gedanken, mitten in die Realität gescheiterter Erwartungen platzt plötzlich ein Stück frische Hoffnung und leuchtendes Leben. Sichtbar, hörbar. Handgreiflich wie ein Stück Brot.

Sprecherin: Jeder sonnt sich heute so gern.  Sie feiern die Auferste-hung des Herrn,  denn sie sind selber auferstanden...

Autor: ... lässt Goethe seinen Faust sagen. Das macht Ostern eigent-lich erst zu einer dauerhaft wichtigen Erfahrung. Dass mir unterwegs Menschen begegnen, die, überzeugt von der lebendigen Gegenwart des Gekreuzigten, meine Mutlosigkeit in Zuversicht verwandeln und die dunklen Seiten meiner trostlosen Befindlichkeiten gründlich durchlüften. Vielleicht begegnet Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, so jemand schon heute, nachher, auf Ihrem Osterspaziergang.

Audiobeitrag Osterspaziergang


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