Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.05.06, 8.05 Uhr, Pfarrer Christoph Sixt

Der Wiederaufbau der Frauenkirche zu Dresden

„Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ Das steht im Psalm 90. Dieser Vers ist das Leitwort für den heutigen Sonntag Kantate.

Und heißt also, noch mal mit eigenen Worten gesagt: „Singt, Leute. Von neuem. Oder auch ganz neu, denn Wunder haben sich ereignet. Durch Gott.“ Als ein Wunder haben viele Menschen den Wiederaufbau der Dresdener Frauenkirche verstanden. Vor einem halben Jahr wurde die Vollendung des Bauwerkes mit einem Festgottesdienst würdig gefeiert. Das war an einem goldenen Oktober – Sonntag unter Beteiligung in- und ausländischer Würdenträger. An diesem letzten Oktober – Sonntag schien die Sonne so strahlend über dem Neubau der Frauenkirche , dass mir das „herzerquickende, liebliche Licht“ Paul Gerhardts in den Sinn kam. Aus dem Morgenlied von der „ güldenen Sonne“. Ein altes Lied, zugegeben. Aber eigenartigerweise kann man es am Anfang  und auch am Ende eines Lebens singen, oder sagen, oder beten. Auch bei einer Hochzeit. Und alles  das, Taufe, Beerdigung, Hochzeit, all das spielt auch bei der Einweihung dieser großartigen Kirche ein wenig mit. Deshalb soll uns dieses Lied heute Morgen begleiten:

Sprecherin:
„Die güldne Sonne  voll Freud und Wonne,
bringt unsern Grenzen mit ihrem Glänzen
ein herzerquickendes, liebliches Licht.
Mein Haupt und Glieder die lagen darnieder.
Aber nun steh ich, bin munter und fröhlich,
schaue den Himmel mit meinem Gesicht.“

Mein Name ist Christoph Sixt. Ich bin Pfarrer in Bad Salzuflen. Das liegt am Teutoburger Wald, in der Nähe von Bielefeld. Ich wünsche Ihnen, meine lieben Hörerinnen und Hörer einen guten Morgen und einen wunderschönen Muttertag! Der Muttertag läßt mich ebenfalls an die Frauenkirche denken. Ihr Name erinnert uns ja an die Mutter Jesu, Maria. Und an ihr einzigartiges Schicksal vor Gott, zu dem Mütter immer eine besondere Beziehung haben. In der „Neuen Wache“, in Berlin , da steht zur Erinnerung an das Leid auch vor allem der Mütter der Kriege eine Skulptur von Käthe Kollwitz. Wie eine Glucke hat da eine Mutter ihre drei, vier Kinder, unter ihre Arme und Röcke zum Schutz versammelt und ihr verhärmtes Gesicht schaut wachsam und besorgt nach oben..

 Von den Dresdnern wurde die Frauenkirche „die Glocke“ genannt. Liebevoll auch: „die Dicke“ . Das Wort „dick“ steht im deutschen manches Mal für das Wort „lieb“, z.B. bei „dicker Freundschaft“. Als die Kirche damals in sich zusammenfiel, damals, nach den furchtbaren Bombenangriffen, mit lautem Stöhnen zusammenbrach wie ein wirklicher, mütterlicher Mensch, da wurden die Worte Paul Gerhardts greifbar, sichtbar, mit denen im Lied von der „güldenen Sonne“ ein solches Ende beschrieben ist:

Sprecherin:
„Menschliches Wesen, was ist´s gewesen?
In einer Stunde geht es zugrunde,
 sobald das Lüftlein des Todes drein bläst
Alles in allen muss brechen und fallen.
Himmel und Erde die müssen das werden,
 was sie vor ihrer Erschaffung gewest.“

Im Oktober 2005 sitze ich dann in dieser wirklich wunderschönen Kirche. In hellen und fröhlichen Farben. In himmelweiten Räumen und dennoch ganz geborgen, fast intim. Und überall dieses schöne Holz aus dem Schwarzwald, die Brüstungen und die geschweiften Bänke und fragt sich dann unwillkürlich: „Ist sie das denn? Ist das die Frauenkirche? Ja? Oder ist das nur eine andere Kirche gleichen Namens?

 Wo lebt aber dann das „Neue“? Überhaupt: wo ist das Neue? Vor einer neuen Frauenkirche hätte es doch eine neuen Gemeinde der Frauenkirche geben müssen! Die vielen Meister, die da an der Frauenkirche gebaut haben, die Steinmetze und Stuckateure, haben die vergessen, einen Meister zum Wiederaufbau einer Gemeinde zu suchen? Einer neuen Gemeinde der Frauenkirche? In Dresden -  und auch sonst in der früheren DDR . Überall sieht man mit Spenden renovierte Kirchen. Aber wo sind die Menschen, die Gemeinden?  Und hätte deren Aufbau dem steinernen Bau nicht vorangehen müssen? Vielleicht wären solche Fragen ja in der Eingangs – Moderation des Gottesdienstes angeklungen- da aber brach die elektrische Anlage für das Kircheninnere zusammen, die Scheinwerfer erloschen, die Kirche hüllte sich in Dunkel und Stille. Da kamen aber gerade in diesen 10 Minuten ohne Mikro und Lautsprecher  ganz unerwartete Antworten eigenartiger Weise, auch durch meinen Sitznachbarn zur Linken. Wie erstaunt  war ich zunächst beim Weihegottesdienst, als ich von meinem Platz in der „Betstuben“- Empore aus eigentlich hauptsächlich nur ältere Herren entdeckte – außer Frau Merkel. Was war da los? Was stimmte da nicht? Wo gibt es denn sonst noch so etwas? Männer in der Kirche, in der Überzahl! Und hier also in einer, die dazu noch den Namen „Frauenkirche“ trägt. Und die Frauen? Die standen draußen! Meine auch .Dabei  hätte ich sie so gern dabei gehabt! Aber es gab Ausweiskontrolle. Und eingeladen waren halt die, die die Spendenüberweisung unterschrieben hatten. Die waren registriert. Klar. Und das waren in der Regel die Männer gewesen. Fragt sich letztlich nur, wer das bessere Teil erwählt hatte. Die, die draußen im herrlichen Sonnenschein vor der riesigen Leinwand und der dahinter weiß schimmernden Frauenkirche standen – oder wir drinnen, gemütlich auf sauber gearbeiteten Sesseln aus dem Schwarzwald, aber ohne Strom!

Die Aggregate waren also wegen Überlastung für die ersten 10 Minuten ausgefallen! Keine Kamera, kein Scheinwerfer, kein Mikro arbeitete. Wir waren „unplugged“, so sagt man heute, „nicht eingestöpselt“, ohne Lautsprecher.

Doch in diesen 10 Minuten geschahen seltsame Dinge. Man drehte sich zu seinem Nachbarn um. Fing ein Gespräch an und erklärte sich, irgendwie. Warum man denn jetzt hier sei und wir fanden uns ja auch  so wichtig! Ja, es schien so etwas wie einen Erklärungsbedarf zu geben, in jedem heimlich aufgestaut., der jetzt zum Zuge kommen konnte. Da kam z. B. ein Mann herein, in die „Betstuben Empore“- das ist übrigens die unterste, mit Fenstern versehene Empore, irgendwie hübsch intim, wie eine Theaterloge,-  der kam also herein und seufzte laut vor sich hin: „Ja ja, und hier habe ich also damals den Blasebalg getreten:“ Sicher nicht hier, in der Betstube, dachte ich noch, da sprang ein zweiter Herr seines Alters auf, die beiden lagen sich kurze Zeit später in den Armen und ließen wissen, dass sie damals als Konfirmanden den Blasebalg der großen Orgel getreten hatten , und sich nun, nach  60 Jahren, zum ersten mal wieder begegnet waren.

Wir alle, die wir nun untereinander ins Erzählen kamen, waren vielleicht zu Hause, vor der Herreise,  schwierigen Fragen ,vor allem denen der eigenen, erwachsenen Kindern begegnet: „Was soll das eigentlich alles“, so lauteten sie, „ Honoratioren, geladene Gäste. Das ist mal wieder typisch Kirche. Lasst doch die Leute rein. Ganz einfach. Die ist für alle gebaut.“ Oder:  „Überall werden jetzt Kirchen verkauft, was soll das eigentlich, so ein Neubau? Habt ihr nicht wichtigeres zu tun?“ Oder ganz kurz:  „Wer will die denn, die Frauenkirche?“Mein Nachbar zur Linken meinte, er verstünde die letzte Frage ganz gut.

Sprecher:
 „ Wir wollten die. Unsere Generation. Die die Bombennächte erlebt hat. Das kann man sich doch bis heute nicht vorstellen, was wir als Kinder da mitgemacht haben. Ist auch nie aufgearbeitet worden.  Und das kann die nächste Generation auch nicht verstehen, dass wir immer noch unter Schock stehen. Nicht wollen, dass  uns das alles kaputt gemacht wurde, was bis dahin so schön war. Dass man das wieder lebendig werden lassen will, was man liebte. Das will doch jeder, der so einen Schock erlebt hat. Dass man einfach aufwacht, wie aus einem bösen Traum, und alles ist wieder gut!  Ich lebe jetzt in Nordhausen, am Harz. In DDR – Zeiten war ich mal ein großer Sportler. Im Februar `45 , da wohnte ich bei Onkel und Tante hier ganz in der Nähe, in der Bachstraße. Das ist gerade ein Stück da runter. Der Onkel hatte dort eine große Metzgerei.  „Halt dich an Onkel und Tante!“, sagte meine Mutter immer, „gerade in diesen Zeiten.“ Als die Angriffe kamen waren wir alle im Luftschutzkeller. Mein Onkel schickte mich noch mal hoch ins Haus, ein Bett holen. Als ich wieder runter kam, war da ein Loch in der Kellerwand. Und alle, die da im Keller gewesen waren, waren rausgesogen worden, in die Flammen. Drei Tage später stürzte die Kirche hier ein. Halt! Die hier war´s ja wohl nicht. Aber die da vorher hier gestanden hat,  ja? Also, ich verstehe unsre Kinder trotzdem. Was geht die eigentlich so ein Wiederaufbau an. Die haben doch ganz andere Probleme heutzutage. Und müssen damit zu Recht kommen.“

Im Lied von der „güldenen Sonne“ heißt es:

Sprecherin:
Alles vergehet. Gott aber stehet ohn alles Wanken.
Seine Gedanken, sein Wort und Wille hat ewigen Grund.
 Sein Heil und Gnaden die nehmen nicht Schaden.
Heilen im Herzen die tödlichen Schmerzen.
Halten uns zeitlich und ewig gesund.“
  
“Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ Das Wunder, das gleicht aufs Haar jener eigentlich alltäglichen Geschichte, dass sich eine Wunde an der Hand z. B., die erst schrecklich blutet und behandelt werden muss, schließlich wie von selbst schließt, nahtlos, rückstandslos, makellos. Damals, noch zu DDR Zeiten, war ich in Dresden an der Ruine der Frauenkirche gewesen. Kein Anblick hat mich so getroffen, so erschüttert, so aufgewühlt in Erinnerung an die Nächte im Februar 1945. Wie ein gefrorener Wasserfall, in dem unzählige rote Kerzen brannten, schilderte dieses Denkmal das Grauen.  Dieser Augenblick war, wie erstarrt für alle Zeiten, in diesen Trümmerberg gebannt. Aus ihm ging nicht endende  Klage, und nun vor allem An – Klage hervor. Und wenn sich diese Wunde nicht schlösse…
Es wäre vor allem auch ein Zeichen dafür gewesen, dass dieser Körper unserer Kirche krank ist, auch der der neuen Bundesrepublik. Aber die Wunde hat sich geschlossen! Bei aller Begeisterung und Phantasie, die dieses Werk beförderte, gilt zu sagen: Das Wunder ist einfach, dass dieses Wunder gelang! Also singet dem Herrn, denn er tut Wunder!

Sprecherin
„… heilet im Herzen die tödlichen Schmerzen,
machet uns zeitlich und ewig gesund.“

Am Abend vor der Weihe, damals, im Oktober, habe ich im Abendlicht der Sonne etwas wahrgenommen, was mir gezeigt hat, wie man das Wunder mit der Dresdener Frauenkirche verstehen könnte.Für heute. Den Sonntag Kantate und Muttertag. Und für die Zukunft einer weltweit wachsenden Gemeinde dieser Frauenkirche!  . Denn der Strom derer, die seit dem Eröffnungstag nach Dresden pilgern, nimmt immer noch zu. Und jetzt zeigt sich, dass die „neue Gemeinde Frauenkirche Dresden“ eine internationale Gemeinde ist!

Der Tag vor dem großen Gottesdienst im Oktober vorigen Jahres war ein strahlender Spätherbsttag, wie er milder und schöner nicht hätte sein können. Wir beschlossen also, von Loschwitz aus am linken Elbufer entlang durch die weiten Elbauen in die Innenstadt zu wandern. In das Licht der immer noch wärmenden, schon schräg stehenden Sonne gehüllt, erlebten wir so also den neuen Anblick der Dresdener Stadtsilhouette mit der vollendeten, herrlichen Kuppel der Frauenkirche. Die schimmerte hell im milden Elbsandstein - Weiß. Bis auf die schwarzen Originalsteine an ihren Originalplätzen, die sichtbar die ungeheure Brandlast jener Februarnacht 1945 tragen. Am Abend dieses Tages vor dem Fest,  als die Sonne sich anschickte, unterzugehen, hatten sich tausende auf dem großen Platz zwischen Hilton und Frauenkirche versammelt. Und erlebten  dieses eigenartige Schauspiel, wie jene schwarzen Steine mit den weißen, den neuen, zu einer farblichen Einheit verschmolzen. Die Sonne schickte sich an, als riesiger, glutroter Ball unterzugehen, und übergoss zuletzt den ganzen Kirchenbau mit einem rosenfarbenen, leuchtenden Glanz, der alle Grenzen zwischen alt und neu, alle harten Konturen auflöste. Dass dieses Wunder auch zwischen den Generationen immer wieder Wirklichkeit werde, auch dafür steht die Frauenkirche zu Dresden. Vor allem aber steht sie als Zeichen der Versöhnung zwischen Völkern. Für ein Wunder, für dass das nun in Coventry gefertigte goldene Kreuz das Licht der untergehenden Sonne als letztes und das der aufgehenden als erstes aufstrahlen lässt. Das Licht der Versöhnung, über alle Grenzen hinweg. Paul Gerhardts Worte klingen da so, als habe er diesen Eindruck vorweggenommen

Sprecherin
„Kreuz und Elende,
das nimmt ein Ende.
Nach Meeresbrausen und Windessausen
Leuchtet der Sonne gewünschtes Gesicht.
Freude die Fülle und selige Stille
Wird mich erwarten im himmlischen Garten.
Dahin sind meine Gedanken gericht.“

Damit verabschiedet sich von Ihnen Ihr Pfarrer Christoph Sixt
Aus Bad Salzuflen. Gott segne Ihnen den Sonntag!:

Audiobeitrag Der Wiederaufbau der Frauenkirche zu Dresden


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