Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.05.06, 6.56 Uhr, Präses Nikolaus Schneider

Dein Wort in Gottes Ohr

Herr, kehre dich doch endlich wieder zu unsUnd sei deinen Knechten gnädig!Auch wenn es so klingt, heute geht es nicht allein um die Männer, liebe Hörerinnen und Hörer.

Am Samstag vor dem Muttertag kann uns das Losungswort für den heutigen Tag nicht zufrieden stellen. Es ist auch wenig tröstlich zu sagen, dass bei den männlichen Formen in der damaligen Zeit die Frauen immer mit gemeint waren. Noch weniger können wir einfach die Formen und die Sprache einer Männergesellschaft übernehmen. Deshalb erlaube ich mir beim Zitat von Psalm 90, 13, die Frauen nicht nur mit zu denken, sondern sie  auch zur Sprache zu bringen. In dieser erweiterten Form heißt es dann:

Herr, kehre dich doch endlich wieder zu uns
und sei deinen Knechten und Mägden gnädig!

Gottverlassenheit spricht aus diesem Satz. Die Erfahrung von Einsamkeit. Das Wissen darum, mit den eigenen Möglichkeiten am Ende zu sein. Solche Lebenssituationen kennt jede und jeder aus seinem Leben: In einer materiellen Notlage, in Krankheit und Trauer, wenn der Tod nach uns greift. Unter solchen Situationen der Gottverlassenheit und der Gottesferne hat auch Martin Luther gelitten. Er hat viele Versuche unternommen, in solchen Anfechtungen zu bestehen. Zwei seiner Gegenmittel sind besonders eindrucksvoll. Martin Luther schrieb in den schlimmsten Stunden seiner Anfechtungen mit Kreide auf einen Tisch: „Ich bin getauft.“

Taufe bedeutete also für Martin Luther, dass Gott ein für allemal Ja zu ihm gesagt hatte. Und dieses Ja Gottes konnte weder sein Handeln noch seine Passivität, weder seine Erfolge noch seine Niederlage, weder das Gelingen seiner Vorhaben noch deren Misslingen, weder sein sich Bewähren in schwierigen Situationen noch sein Versagen aufheben. Gott steht zu seinem Ja – unabhängig von unseren Taten und Untaten. Gott ist beständig – unabhängig von aller Wankelmütigkeit, zu der wir fähig sind. Gott ist treu – auch angesichts aller Untreue, zu der wir uns immer wieder verlocken lassen.

Martin Luther empfahl auch die Musik und den Gesang, um Gottverlassenheit abwehren zu können. „Wenn der Teufel auch alle Dinge kann, musizieren kann er nicht,“ sagte er. Musik verändert uns im wahrsten Sinne des Wortes! Die Schwingungen des Klangs der Musik verändern die Schwingungen unserer Seelen.

Wer also Gott anruft mit den Worten „Herr, kehre dich doch endlich wieder zu uns.“ – der geht von der Erwartung aus, dass Gott sich auch wieder zuwenden will und wird. In aller Dunkelheit und Aussichtslosigkeit haben wir auf jeden Fall ein Ohr, in das wir klagen können. Die Verbindung ist von Gottes Seite nicht abgebrochen, auch wenn wir die Liebe und Zuwendung Gottes nicht spüren. In alle Lebenssituationen sind wir nämlich von Gott getragen wie von einem guten Vater oder von einer guten Mutter. So wie sie uns ins Leben bringt und immer unsere Mutter bleiben wird,  so ist und bleibt Gott unser Schöpfer, der seine Geschöpfe ins Leben gerufen hat.

Der erste Trost in Trauer und Verlassenheit besteht also darin, dass wir rufen und schreien können. „Dein Wort in Gottes Ohr“ - diese Redensart stimmt. Vergleichen lässt sich dies durchaus mit der Liebe unserer Mütter, die in allen Lebenssituationen ihre Kinder nicht aufgeben können. Und so ist der morgige Muttertag auch ein guter Hinweis darauf, wie gut es Gott mit uns meint. Verlassen wir uns darauf und feiern wir morgen unsere Mütter als Quellen unseres Lebens.


 

Audiobeitrag Dein Wort in Gottes Ohr


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen