Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.05.06, 8.56 Uhr, Präses Nikolaus Schneider

Auf der Seite eines geschundenen Volkes

Das Losungswort für den heutigen Tag, liebe Hörerinnen und Hörer, hat einen freundlichen Klang und einen drohenden Unterton. Es stammt vom Propheten Jesaja und lautet:

Der Herr hat mich gesandt,
zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn
und einen Tag der Vergeltung unseres Gottes.

Ein ganz und gar tröstendes Wort für das Volk Israel, insbesondere für die kleinen Leute. Es tröstet angesichts der Erfahrungen von Verschleppung, Sklaverei, körperlicher Misshandlung und einem Leben im Exil. Und die kleinen Leute hatten mal wieder auszubaden, was verblendete Macht angerichtet hatte: Kriegskoalitionen, die zu einer vernichtenden Niederlage führten; Zerstörung der Städte; Massenvergewaltigungen und Raub; Tausende von Toten und Verschleppung. Das mächtige Volk der Babylonier hatte dem Königreich Juda seine Grenzen nachhaltig klar gemacht.

Nun aber brach eine andere Zeit an. Ein Neuanfang war versprochen. Die Menschen konnten wieder zurück in die Heimat. Für die Generationen, die aus dem Exil zurückkehrten, war das angekündigte Jahr ein gnädiges Jahr, das bedeutete: Befreiung und Linderung von Armut, neue Perspektiven und Überwindung von Hoffnungslosigkeit.

Es spricht für den Realismus der biblischen Überlieferungen, dass bei Katastrophen des Volkes Israel immer klar benannt wird, wer die Verantwortlichen sind. Es ist kein dunkles Schicksal, das  irgendwie über die Menschen kommt. Die Interessen können benannt werden, die Verantwortlichen in Machtpositionen haben einen Namen. Und so gehört es zu diesem Realismus, dass die Verantwortlichen auch zur Rechenschaft gezogen werden. Das ist wohltuend anders, als es häufig erlebt wird: „Die Großen lässt man laufen“, so sagt es der Volksmund. Und bezogen auf die Nachkriegsgeschichte unseres Volkes etwa lässt sich sagen: Der Volksmund hat in vielerlei Hinsicht durchaus Recht. Anders soll es nach Gottes Willen sein. Gott selbst will eingreifen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen.

Dieser Gedanke der Vergeltung ist für uns nicht leicht mit einem Gottesbild vereinbar, das im Wesentlichen nur den lieben Gott kennt. Gott aber ist ein lebendiges Gegenüber. Gott erwartet Verantwortung von seinen Menschen. Es ist nicht beliebig, wie Menschen mit ihren Verantwortlichkeiten umgehen. Das hat Konsequenzen. Sie werden dafür vor Gott Rechenschaft ablegen müssen.

Das gilt es zusammen zu halten, wenn wir in einer ernsthaften Weise das Leben auf dieser Welt bedenken wollen. Trost und Gnade wird uns zugesagt, Verantwortlichkeit und Vergeltung durch Gott gehört aber auch dazu.

Eine Tendenz ist in diesem Buch des Propheten Jesaja aber klar erkennbar. Gott steht auf der Seite des geschundenen Volkes. Ihm wird ein gnädiges Jahr zugesagt. Und so zeigt sich hier wieder: Gott ist nahe denen, die ein zerschlagenes Herz haben und die mit den tiefen Tälern, den Schattenseiten des Lebens fertig werden müssen. Das galt damals, das gilt auch für jeden und jede heute.

 

Audiobeitrag Auf der Seite eines geschundenen Volkes


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