Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.05.06, 5.56 Uhr, Präses Nikolaus Schneider

Nicht in Schande leben

Seit 1728, Liebe Hörerinnen und Hörer, wird in der Brüdergemeine zu Herrenhut in der Oberlausitz aus 1.800 alttestamentlichen Bibelversen ein Wort für jeden Tag des Jahres

ausgelost. Das sind die Losungen. Sie wollen dem Menschen einen hilfreichen biblischen Gedanken mit auf seinen Weg durch den Tag geben. Auch ich bin auch davon überzeugt, dass Gott heute jedem Menschen etwas zu sagen hat – und zwar täglich.

In dieser Woche möchte ich mit Ihnen das Losungswort für den jeweiligen Tag bedenken. Heute ist es ein Vers aus dem Buch des Propheten Jesaja:
Du wirst erfahren, dass ich der Herr bin,
an dem nicht zuschanden werden, die auf mich harren.

Zuschanden werden - das ist eine biographische Erfahrung, die jede und jeder kennt. Zuschanden geworden waren die Menschen nach dem Ende des 2. Weltkrieges. Ganze Städte waren zerbombt, Familien auseinander gerissen, Angehörige tot. Viele waren zu Opfern des nationalsozialistischen Terrors in den Konzentrationslagern geworden. Millionen von Menschen litten jahrelang unter Hunger, Kälte und unter grausamer und unkontrollierter Gewalt.  .

In unserem Land wurden viele deshalb zuschanden, weil es eine Schande war, Mitglied der nationalsozialistischen Partei oder einer ihrer Organisationen gewesen zu sein.

Viele hatten die mörderische und menschenverachtende Ideologie dieses Regimes nicht durchschaut, Eliten und Führungspersönlichkeiten haben sie getragen: Eine Schande war es, sich selbst als rassisch höherwertig zu betrachten und daraus das Recht abzuleiten, andere Menschen wie Ungeziefer zu töten.

Viele Menschen konnten Behinderungen nicht ertragen und hielten das Leben Behinderter für nicht lebenswert: Eine Schande war es, behindertes Leben systematisch und mit Hilfe der Ärzteschaft auszulöschen.

Am 8. Mai 1945 war der 2. Weltkrieg zu Ende. Wie gut, dass die Verbrechen mit der Niederlage der deutschen Wehrmacht auch vorbei waren. Wie gut, dass unser Land – ja ganz Europa und ein Teil Afrikas – vom Terror des Naziregimes befreit wurde. Die damals so häufig betonte Anständigkeit der Einzelnen war Ausdruck der tief sitzenden Schande, die über ein ganzes Volk gekommen war, die viele große und kleine Verantwortliche über unser Volk gebracht hatten.

Es gab aber auch andere: Mutige Frauen und Männer, die aus der Heiligen Schrift lebten und sich vor dem Terror und dem totalen Anspruch des Regimes durch ihren Glauben an Gott schützten. Sie machten damals die unmittelbare Erfahrung: Wer auf Gott vertraut, nur ihn als den Herrn seines Lebens gelten lässt, der muss nicht in Schande leben.

Was damals als extrem erfahren wurde, das gilt auch heute: Wer auf Gott vertraut, kann nicht zu Schanden werden. Nur so können wir unsere Freiheit bewahren vor den Mächtigen unserer Tage und ihrem Anspruch auf uns und unser Leben. Wer Gott als seinen Herrn erfährt, lebt  nicht in Schande, sondern in Würde.

Audiobeitrag Nicht in Schande leben


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