Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.05.06, 11-12 Uhr, Michael Birgden

Kontaktlinsen mit "Echtheits-Interface"

„Was die Welt unbedingt braucht...“sind „Kontaktlinsen mit Echtheits-Interface“. Einmal eingesetzt sehe ich sofort, wo und wie manipuliert wurde.

Ich stelle mir das so vor. Wenn ich die Kontaktlinsen trage, bekomme ich sofort angezeigt, ob das, was ich sehe echt ist oder ob da manipuliert wurde. Zum Beispiel am Kiosk. Klasse Frau auf dem Titelbild. Die Kontaktlinsen markieren mir: Hier war die Haut des Top-Models nicht makellos. Wurde retuschiert. Oder: Morgens beim Blick in die Zeitung. Zu sehen sind aufgebrachte, vermummte Mullahs irgendwo im Nahen Osten, die Steine werfen. Meine Kontaktlinsen blenden mir die entscheidende Information ein: Die Reporter haben ihnen Geld gegeben damit sie ihre Story besser verkaufen konnten.

Mir würde endlich niemand mehr etwas vormachen können. Brüste sind bei OP in Form gebracht worden. Dieses Lachen aufgesetzt. Gerade noch hat er über dich gelästert. Das Lob vom Chef? Der will nur, dass du die nächsten Wochen bis 20Uhr im Büro bleibst. Die Kontaktlinsen, die echt von unecht unterscheiden können schützen mich vor Fälschung und Manipulation.

Ein Problem hätte ich dann allerdings. Ich müsste mit der reinen Wahrheit klarkommen. Meinen besten Freunden könnte ich nicht mehr vertrauen. Der romantische Augenblick platzt, weil sie eigentlich an das Verfallsdatum des Joghurts im Kühlschrank denkt. Und noch eine unerwünschte Nebenwirkung hätten die Echtheits-Kontaktlinsen. Beim Blick in den Spiegel würde angezeigt, was bei mir alles unecht oder verstellt ist. Will gar nicht wissen, was sich dann neben meinem Spiegelbild alles einblendet.

Sprecher: Michael Birgden

Audiobeitrag Kontaktlinsen mit "Echtheits-Interface"


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