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Was mir heilig ist
Vor einigen Wochen sorgten gewalttätige Demonstrationen in zahlreichen islamischen Ländern für erhebliche Aufregung in den westlichen Staaten.
Anlass dazu hatten einige politisch ausgelegte Karikaturen gegeben, die zuerst in einer dänischen Zeitung erschienen waren. Sie zeigten - und das war aus islamischer Sicht der Hauptskandal - den Propheten Mohammed. Ihn darf man nicht abbilden. Wer das tut, begeht eine schändliche Tat. Mit schärfster Polemik wurde gegen die demonstriert, die für die Veröffentlichung der Bilder sorgten und gegen die westlichen Staaten, die mit dem Hinweis auf das hohe Gut der freien Meinungsäußerung diese Veröffentlichung verteidigten.
Unter Berufung auf das gleiche Recht haben auch in unserem Land Muslime gegen diese Karikaturen demonstriert. Sie haben damit auf die Verletzung ihrer religiösen Gefühle aufmerksam gemacht und viele haben dankenswerterweise zugleich die gewalttätigen Exzesse in den islamischen Ländern scharf verurteilt und zur Mäßigung und zum Frieden gemahnt.
Doch das Erschrecken ist immer noch tief und ich denke seitdem über manches nach, was ich in der letzten Zeit selbst erlebt oder wovon ich gehört habe. Ich heiße Rüdiger Schnurr, bin Pastor in der Evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Hilchenbach im Siegerland, das den südlichsten Teil von Westfalen bildet.
Ich will heute Morgen nicht über diesen sogenannten Karikaturenstreit sprechen, zumal er nach meinem Eindruck ziemlich schnell wieder aus den Medien verschwunden ist. Er hat wohl in gewissem Sinne auch seinen Zweck in der islamischen Welt erfüllt. Vielleicht dadurch, dass die Hamas in Palästina die Wahlen gewonnen hat.
Doch über alle politischen Aspekte hinaus, ja, auch jenseits aller Auseinandersetzungen um die wahre Religion, frage ich mich, wie nahe uns dieser Vorwurf, es seien die religiösen Empfindungen verletzt worden, überhaupt geht. Haben wir dafür noch ein Gespür, dass für Menschen etwas in ihrem Leben so bedeutungsvoll sein kann, dass sie darunter leiden, wenn es verhöhnt wird? Früher sagte man: Das ist mir heilig! Heute hört man das wohl selten. Warum sollte einer, dem nichts mehr heilig ist, dann Verständnis für die verletzten Gefühle anderer haben?
Es ist noch nicht allzu lange her, da standen wir auf unserem Friedhof an einem Urnengrab. Wir waren ungefähr ein Dutzend in Trauerkleidung gewandete Personen. Ich hielt die Trauerandacht am Grab. Für jeden Besucher des Friedhofes musste klar sein, zu welchem Zweck wir dort am Weg zwischen den Gräbern zusammenstanden nämlich um einen Menschen zu beerdigen.
Eigentlich ist doch alles, was mit dem Tod oder einer Beerdigung zusammenhängt, immer noch etwas, dem mit einer gewissen Ehrfurcht begegnet wird so wenigstens dachte ich bis zu jenem Tag.
Aber mitten in unserer Andacht näherten sich die Schritte mehrerer Personen. Sich laut unterhaltend und dabei rauchend lärmten sie mitten durch uns hindurch, um dann vier oder fünf Gräber weiter ebenso lautstark Unkraut zu hacken und Blumen zu pflanzen.
Ich wundere mich noch heute, wie ich die Trauerandacht ruhig zu Ende führen konnte. Doch ich wollte nicht gehen, ohne den drei erwachsenen Personen wenigstens mein Unverständnis über diese Unverfrorenheit und Gefühllosigkeit zu zeigen. Ich sagte ihnen, dass mir für ihr Verhalten jedes Verständnis fehlen würde und ich ein solches Benehmen noch niemals vorher erlebt hätte, ob sie denn nicht gesehen hätten, dass wir zu einer Trauerfeier zusammen gekommen waren? Die Antwort lautete: Das fänden sie aber jetzt völlig unmöglich, wie ich mit ihnen reden würde, sie ließen sich von mir nicht sagen, wie sie sich zu verhalten hätten. Kein Wort des Bedauerns kam von ihnen.
Warum bist du eigentlich zu ihnen gegangen? habe ich mich hinterher mehr als einmal gefragt und bin immer zu derselben Antwort gekommen: Wegen der Menschen, die ich in ihrer Trauer begleitet habe. Weder für mich, noch für meine Kirche, noch für Jesus Christus und Gott alleine wegen der Menschen, die durch den Tod eines nahen Angehörigen schon genug zu tragen hatten.
Wo nichts mehr heilig ist, steht die Menschlichkeit auf dem Spiel. Für mich liegt ein ganz wesentlicher Grund, weshalb ich von der Wahrheit des Glaubens an Jesus Christus überzeugt bin, darin, dass mir durch ihn ein ganz umfassender Blick auf das, was Menschen brauchen, geöffnet wird.
An der Geschichte Jesu Christi erkenne ich, was Menschsein ausmacht. Ich erkenne, dass ich von Gott geachtet und geliebt bin, dass Gott sich meiner Unzulänglichkeiten annimmt, dass ihn meine Schwächen und Fehler nicht stören. Das verstehe ich, wenn ich auf Jesus blicke und auf ihn höre. Und ich verstehe, dass er mir zutraut, so auch die Menschen zu achten und zu lieben und ebenso barmherzig zu sein wie Gott ist.
Und ich erfahre, dass Gott Kräfte zum Guten wachsen lässt. Menschen werden getröstet durch Gott, sie erleben die Freude darüber, dass in Jesus Christus die Wahrheit zu finden ist. Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass sie im Leid getröstet werden. Ihnen wird ihr Leid nicht weggeredet, aber sie finden mit Jesus Christus einen Weg hindurch.
So viele fragen, was denn Wahrheit ist. Ich frage, was Wahrheit bewirken muss. Ich bin davon überzeugt: Wahrheit muss Menschen trösten können, sonst ist sie nichts wert.
Eine solche Wahrheit ist denen, die dadurch getröstet wurden, heilig.
Von Anfang an war es für die Christen völlig undenkbar, dass der Glaube an Jesus, durch den sie getröstet worden sind und der ihnen die Freude am Leben gegeben hat, nur eine Privatangelegenheit sein könnte. Für sie hatte die Wahrheit, die sie getröstet hatte einen Namen und den sagten sie weiter. Warum soll man auch, was einem selbst gut getan und geholfen hat, verschweigen? Ja, mehr noch, es hat sie gedrängt, ihre Freude und ihre Hoffnung weiter zu geben. Um der Menschenliebe Gottes um der Menschlichkeit des Menschen willen, musste die Wahrheit von Jesus in die Welt getragen werden. Als man es ihnen verbieten wollte, sagten sie: Wir könnens ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.
So ist das gewesen, und unsere Welt, unsere Ordnung nicht nur die religiöse auch unsere Gesellschaftsordnung mit all den Rechten, die sie uns gewährt, wäre nicht denkbar ohne den Glauben und die Liebe der Christen früherer Generationen zu dem Namen Jesus.
Dieser Name steht für alles, was jedem Menschen guten Willens immer noch heilig ist: Gerechtigkeit und Freiheit, Verständnis und Liebe, Solidarität und Verantwortung, Hoffnung und Frieden.
Und die einzige Möglichkeit, dass Menschen davon angerührt werden, ist heute noch die gleiche, wie damals bei den ersten Christen, nämlich dass es weitergesagt wird. Es ist das Wort eines getrösteten Menschen zu einem, der Trost braucht. Einer, der Hilfe bekommen hat, sagt es einem anderen, der Hilfe sucht.
Das machte auch Tuan, damals, als er noch in seiner Heimat Vietnam lebte. Er wollte von seinem Glauben an Jesus Christus erzählen. Das wurde ihm untersagt, und man machte ihm das Leben in seiner Heimat so unerträglich, dass er schließlich keinen anderen Ausweg sah, als sein Land zu verlassen.
Er kam in unser Land, in dem immer noch, wenn es gerade passt und nichts kostet, betont wird, dass es ein Land mit einer christlichen Werteordnung sei. Doch er darf hier nicht bleiben. Er hat keinen Anspruch auf Asyl. Mittlerweile haben Christen in unserer benachbarten Kirchengemeinde, in der er lebt, ihn in ihre Obhut genommen um für Tuan, ihren Freund und Bruder ein Bleiberecht zu erwirken.
Die Richter des zuständigen Verwaltungsgerichts haben in ihrem Urteil gegen die Anerkennung Tuans als Asylberechtigter von einem religiösen Existenzminimum gesprochen, dass es für Tuan auch in Vietnam gegeben habe. Bisher kannte ich den Begriff des Existenzminimums nur im Zusammenhang mit der finanziellen Grundversorgung, die man einem Menschen zubilligt, damit er sein Leben fristen kann. Nicht von ungefähr sagt man, dass das zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel ist.
Was aber ist das religiöse Existenzminimum für einen Christen? Ich zitiere aus dem Urteil des Verwaltungsgerichtes: Zu dem religiösen Existenzminimum gehört als unverzichtbarer Kern nicht nur das forum internum häuslicher Andacht, sondern auch die Möglichkeit des gemeinsamen Gebets und des Gottesdienstes in Gemeinschaft mit anderen Gläubigen nach dem überlieferten Brauchtum. Keine Rede davon, dass es für Christen nach wie vor heißt, in alle Welt zu gehen und alle Völker in die Nachfolge Jesu zu rufen.
Die Bezeugung der eigenen Erfahrungen des Glaubens vor Menschen, die nicht glauben, geht für unsere Richter also über das religiöse Existenzminimum hinaus, ist also ein unnötiger Luxus, auf den ein Christ verzichten kann ohne seine Identität zu verlieren.
Wo wären wir heute, wenn damals die Apostel sich zurückgezogen hätten, wenn sie klein beigegeben hätten? Sie hielten es nicht für Luxus, sondern für den unverzichtbaren Ausdruck einer christlichen Existenz: Wir könnens ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.
Anders gesagt: Ihnen waren die Menschen so wichtig, so heilig, weil von Gott so sehr geliebt, dass sie ihnen die Wahrheit und den Trost des Evangeliums nicht schuldig bleiben wollten. Und heute sollen sich die Christen mit einem sogenannten religiösen Existenzminimum bescheiden und ruhig zusehen, wie ein Bruder in Jesus Christus und ein ungemein liebenswürdiger Mensch wegen unserer Gleichgültigkeit, der fast nichts mehr heilig ist, ins Leiden, vielleicht sogar ins Martyrium zurückgeschickt wird?
Die Christen hat zu allen Zeiten ausgezeichnet, dass sie sich auf nichts anderes zu verlassen brauchen, als auf die Kraft des Wortes Gottes. Sie trauen Gott zu, dass er Menschenherzen bewegen kann. Sie haben die Hoffnung bis zuletzt, dass die Wahrheit und der Trost in Jesus Christus, sich durchsetzen werden. So dürfen auch die Christen, die sich für Tuan einsetzen hoffen, dass es für ihn gut ausgehen wird. Viele Tausend hoffen mit ihnen. Wer es kann, der bete für ihn und für die, die ihm beistehen.
Sie zeigen, dass viele doch noch ein Gespür dafür haben, was heilig und wesentlich für uns alle ist. Eine solche Sensibilität wünsche ich mir auch im Blick auf jeden Menschen, ob es sich um trauernde Menschen auf einem Friedhof handelt oder um den Streit zwischen westlicher und islamischer Welt, dann wäre es einfacher für den Frieden. Dann hätten die Menschen viel gewonnen.
Die Wahrheit Jesu helfe Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, und gebe ihnen zu erkennen, was Ihnen heilig sein soll. Diese Erfahrung wünscht Ihnen Rüdiger Schnurr von der Evangelischen Kirche.
Was mir heilig ist
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