Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.04.06, 7.45 Uhr, Stephan Kiepe-Fahrenholz

Quasimodogeniti

Zu den skurrilen Begleiterscheinungen des Kirchenjahres zählt der Name des heutigen Sonntags: Er heißt Quasimodogeniti; das bedeutet „Wie die Neugeborenen“ und bezieht sich

auf eine Stelle aus dem ersten Petrusbrief in der Bibel, wo es heißt: Wie neugeborene Kinder nach Milch schreien, so sollt ihr nach dem unverfälschten Wort Gottes verlangen.

Nun neigen wir ja dazu, bei Menschen, die auf irgendwas wie kleine Kinder reagieren, Demenz zu diagnostizieren und entsprechende Unterbringung zu erwägen. Kindhaftes Verhalten stößt auf irritiertes Schulerzucken in einer Zeit, die vor Vernunft, Kalkül und Rationalität nur so strotzt. Wer wird in einer world-wide-web-basierten Wissensgesellschaft, in der alles ableitbar und absehbar ist, noch staunen wie ein Kind?

Andererseits können wir uns offenbar gar nicht genug daran tun, gleichzei-tig möglichst viele Bereiche unseres Lebens mit rasanter Geschwindigkeit zu infantilisieren. Der Humor der Fernseh-Vorabendserien ist deutlich auf Kinderniveau angelangt. Keine Sportübertragung ohne ein Gewinnspiel, bei dem die Rätselfrage einem Sechsjährigen die Schamröte ins Gesicht treibt. Und der tägliche Kontrast zwischen dem Grauen der Terroranschläge in der Tagesschau und dem anschließenden zweistündigen Ablachen in der großen Comedyshow fällt vermutlich wirklich nur noch Kindern auf.

Dass unsere Welt jeden Tag schlauer und zugleich jeden Tag kindischer wird, hat unmittelbar damit zu tun, dass wir mit dem, was der Name des heutigen Sonntags in Erinnerung ruft, nichts mehr am Hut haben: Verlangen nach dem unverfälschten Wort Gottes. Dabei ist das aktuell wie nie: Ein Wort, das von Ostern herkommt und mitten in hochtechnisierten Terror- und Todesmaschinerien die Auferstehung und das Leben propagiert – das ist doch wirklich mal was Neues. Ein Wort, das auf Pfingsten zugeht und mit-ten in der geisttötenden Lächerlichkeit die Ausgießung des Geistes an alle ankündigt – das ist doch wirklich mal was Spannendes.

Dies Neue und Spannende zu entdecken setzt nun eben voraus, zu werden wie die neugeborenen Kinder. Das heißt: Noch offen und neugierig statt Weiß-ich-schon-alles. Noch unbeeindruckt von schlauen Sprechblasen schlauer Sprücheklopfer. Noch dankbar für den neuen Tag statt voller Angst vor dem nächsten. Noch gespannt auf das Wunder statt ernüchtert von der triumphierenden Entschlüsselung. Noch freudig erregt statt gelangweilt von der absehbaren Pointe.

Solches Werden-wie-die-Kinder, das alles andere als kindisch ist, lässt mich eine in dieser Welt wirksame Kraft erfahren, die mehr ist als die Lächerlich-keit unserer ach so ernsthaften Bestrebungen, mehr auch als der Todernst unseres angestrengten Gelächters. Es ist eine Kraft, die uns die heitere Ge-lassenheit derer schenkt, die ihr Leben und diese Welt mit ihren rationalen und irrationalen Seiten aus der Hand Gottes empfangen und sich in dieser Hand geborgen und gut aufgehoben wissen.

Audiobeitrag Quasimodogeniti


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