Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.04.06, 6.56 Uhr, Frank Küchler

Mein Gefängnis

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, von Zeit zu Zeit krame ich mal in einer Kiste herum, in der ich Dinge aufhebe, die ich nicht wegwerfen will. Zum Beispiel ein

kleines Blatt Papier. Auf ihm ist ein Name zu lesen. Der Name eines Gefangenen, den ich in seiner langjährigen Haftzeit öfter besucht hatte. Der wollte mir eines Tages eine Freude machen und schenkte mir dieses Blatt. Mit  Kugelschreiber hatte er nicht nur seinen Namen drauf geschrieben, sondern auch ein Gebet:

Sprecher:   Herr, nicht nur verschlossene Türen halten mich gefangen, sondern auch meine Vergangenheit und Schuld. Nicht nur Mauern und Gitter halten mich ge-fangen, sondern auch meine Ängste. Ich bin gefangen nicht nur in meiner Zelle, sondern auch in mir selbst. Ich selbst bin ein Gefängnis; mein Gefängnis. Nur du, Herr, weißt, wie sehr ich mich danach sehne, aus mir selbst auszubrechen, frei zu werden von meinen Ängsten, von meiner Vergangenheit und Schuld. Herr, ich selbst kann mich nicht befreien, nur du kannst mich von meinen Ketten lösen.

Hier wendet sich einer in seiner Not an Gott. Der wird in diesem Gebet als  Befreier angesprochen und damit ist der Beter fest in der biblischen Tradition verwurzelt. Schon das Volk Israel hatte Gott ja als Befreier erlebt, als er die Menschen aus der Sklaverei in Ägypten herausgeführt hatte.

Und noch etwas finde ich bemerkenswert an diesem Gebet: es gibt eine Freiheit, die sich nicht einmauern lässt und der auch Gitter nichts anhaben können. Diese Freiheit ist hier in dem  Gebet des Gefangenen gemeint. Das ist die Freiheit, die uns alle mit den Menschen verbindet, die ihr Leben heute an diesem Tag im Gefängnis verbrin-gen müssen. Zweifellos ein Ort, an dem es schwieriger ist, sich diese Freiheit zu be-wahren. 

Ja, wenn ich diese Zeilen lese, dann spüre ich, dass es eine unsichtbare Verbindung gibt zu den Menschen hin, die eingeschlossen sind. Die ihr Leben hinter Mauern und Gittern verbringen müssen. Auch heute, an diesem Tag. Eine Verbindung, die sich nicht stört an Mauern und Gittern, die einen Menschen nicht festlegt auf das, was er einmal Böses getan hat, und sei es auch noch so verabscheuungswürdig.

Es ist die Aufgabe, die sich jedem Menschen stellt, jeden Tag neu. Nämlich: mit den  Gegebenheiten des Lebens fertig zu werden. Damit zu leben, dass die Lebensum-stände nun einmal so sind, wie sie sind. Sie sind  erst einmal für lange Zeit nicht zu ändern. Das kann man  schon als eine Art Gefängnis empfinden. Aber:  das Leben, das ich heute lebe, ist auch eine Summe von Entscheidungen, die ich selbst getrof-fen habe. Ich muss der Tatsache ins Auge sehen, dass ich dafür selbst verantwortlich bin.

Die Freiheit, von der im Gebet dieses Gefangenen die Rede ist, hat auch damit zu tun, dass ich mein Leben mit den Augen Gottes anzusehen lerne. Dass ich meinen Lebensweg selbst freundlich anschaue und ihn als meinen Weg annehme. Mitten in den Zwängen und Gefängnissen meines Alltags kann ich die Befreiung, dieses Quentchen innere Freiheit, von Gott erhoffen. Er hat auch die Macht, Men-schen aus ihren inneren Gefängnissen heraus zu führen. Das wusste auch dieser Gefangene, der mir sein Gebet mit Kugelschreiber aufgeschrieben hatte. Bis auf den heutigen Tag hat es seinen Platz in meiner Kiste für Sachen, die ich nicht wegwerfe.

Audiobeitrag Mein Gefängnis


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