Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.04.06, 6.56 Uhr, Frank Küchler

Bäume

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, Bäume haben den Menschen seit jeher fasziniert – nicht nur in der Natur, sondern auch in Kunst und Literatur. Zu allen Zeiten

haben Dichter, Philosophen und Theologen in den Bäumen Gesprächspartner über die wesentlichen Fragen des Lebens gefunden. Man kann ohne Übertreibung sagen: Bäume sind für den Menschen zum Sinnbild menschlicher Existenz geworden. Im Baum spiegelt sich nämlich das menschliche Leben im Werden und Vergehen. Im Baum, da zeigt sich aber auch so etwas wie eine Vision von gelungenem Leben. Wer wünschte sich das nicht: in allem Auf und Ab, das das Leben mit sich bringt, aufrecht zu stehen wie ein Baum? Wer wünschte sich das nicht, in der Betriebsamkeit des Alltags einen Ort der Zugehörigkeit zu haben?! Und wer wollte das nicht: sich nicht nur in die Höhe ausstrecken, sondern so wie Wurzeln eines Baumes in die Tiefe?!

Mit dem Baum verbindet sich auch der Gedanke an die Verbundenheit mit der Gene-ration vor uns und nach uns. Denn Bäume überdauern oft die Zeit eines Menschenlebens. Ich habe schon manchmal ehrfürchtig gestaunt, wenn ich etwas über das ho-he Alter von Bäumen erfahren habe. Also wer von uns wünschte sich das nicht, wie ein Baum das Leben in der Verbundenheit mit den Generationen zu leben?

In der politischen Diskussion dieser Tage spielt dieser Wunsch eine zunehmend wichtigere Rolle. Nicht nur dann, wenn es um die Frage geht: Wie gehen wir mit der Natur so um, dass auch kommende Generationen noch Ressourcen nutzen können. Sondern auch, wenn darüber gestritten wird, wie in Zukunft eine Alterssicherung möglich ist oder wie das Risiko einer Erkrankung gerecht und solidarisch für alle abgesichert werden kann. Ich bin froh, dass dieser Aspekt politischen Handelns zunehmend ins Bewusstsein kommt. Da ist zu Recht die Rede von Nachhaltigkeit. Auch von Solidarität zwischen den Generationen. Und von Verantwortung gegenüber denen, die nach uns kommen.

Und das ist gut so. Gerade die älteren, lebenserfahrenen Menschen unter uns, sehen die Kurzlebigkeit politischer Entscheidungen mit großer Sorge. Wir brauchen hier unbedingt eine größere Weitsichtigkeit und das klare Bewusstsein, dass wir in Zukunft nur überleben können, wenn wir vorausschauend handeln. So, wie es in der folgenden jüdischen Legende sehr anschaulich zum Ausdruck kommt:

Sprecher: Ein Mensch geht über Land und trifft einen Bauern, der gerade einen Johannisbrotbaum pflanzt. Den fragt er: was denkst du, wann wird das Bäumchen wohl Früchte tragen? Vielleicht in siebzig Jahren, antwortet der Bauer. Darauf der Wanderer: Du Tor, glaubst du denn, dass du in siebzig Jahren noch lebst und die Früchte ernten kannst? Pflanze lieber einen Baum, der eher Früchte trägt, damit du dich noch in deinem Leben daran erfreuen kannst. Der Bauer aber, der gerade seine Arbeit zu Ende gebracht hatte, sah voller Freude auf den Baum und antwortete dem Wanderer: Sieh mal, als ich zur Welt kam, da fand ich Johannisbeerbäume vor und habe von ihnen gegessen, ohne dass ich sie gepflanzt habe. Denn das haben meine Väter getan. Habe ich also genossen, wo ich nicht gearbeitet habe, so will ich einen Baum für meine Kinder und Enkelkinder pflanzen, damit sie davon genießen können.  Wir Menschen können nur bestehen, wenn einer dem anderen die Hand reicht.

Audiobeitrag Bäume


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