Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.04.06, 6.56 Uhr, Frank Küchler

"In der Welt habt ihr Angst..."

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, als Pastor im Krankenhaus begegne ich häufig Menschen, die ängstlich sind und das aus verständlichen Gründen. Dabei habe ich

festgestellt: für viele Menschen ist es gar nicht so leicht ist, über ihre Angst zu sprechen. Nicht selten  schämen sie sich wegen ihrer Angst. „Ach, wissen sie, ich bin so ein Hasenfu߅“ Manche Menschen meinen, sie müssten sich für ihre Angst entschuldigen. So als ob sich das nicht gehörte, Angst zu haben. Dies ist mir insbesondere immer wieder aufgefallen bei Menschen, die an Gott glauben. Sie meinen, für einen gläubigen Menschen gehöre es sich nicht, ängstlich zu sein. Wo bleibt denn da der Glaube? Es scheint, als ob die Angst gleichgesetzt wird mit Unglauben oder Zweifel.

Wie wohltuend klingen da für mich Worte, die Jesus einmal seinen Freunden gesagt hat. „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost ich habe die Welt überwunden.“ Ich verstehe das so: die Angst gehört zu unserem Leben auf dieser Erde dazu. Angst zu haben, das ist eine normale, menschliche Regung. Das darf so sein. Es ist keine Schande, dafür braucht man sich auch nicht zu schämen. Also ist es erst einmal gut, die Angst gelten zu lassen. Sie nicht zu beschönigen, sie nicht auszureden oder zu beschwichtigen, sondern dem anderen zu signalisieren: das ist in Ordnung, dass du Angst hast. Angst hat nichts mit Feigheit zu tun. Auch in der Bibel sprechen Menschen offen über ihre Angst. Sie schämen sich nicht und scheuen sich nicht, das zu tun. Das klingt dann so:

Sprecher(in):
„Ich will meinem Mund nicht wehren, ich will reden in der Angst meines Herzens.“  
„Gott sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe und ich sehe keinen Helfer.“
„Da mir angst war, rief ich Gott an und schrie zu ihm“.

Es ist hilfreich, wenn jemand die Möglichkeit hat, offen über seine Angst zu sprechen. Dann kann es geschehen, dass sie schon etwas von ihrer lähmenden Macht verliert. Die gespenstischen Gedanken werden dann weniger, es kommt wieder neue Luft zum Atmen, die Enge wird weiter. So können wieder Gegenkräfte wachsen: Vertrauen, Mut, Hoffnung, Kraft zum Durchhalten.

Also: auch der glaubende Mensch wird die Angst nicht  hinter sich lassen. Mensch zu sein, das kann man nicht, ohne Angst zu haben. Genauso wie es kein Leben gibt ohne Leid und Enttäuschungen. Könnte der Glaube die Angst aus der Welt schaffen, dann könnte er auch den Hunger, den Durst und den Schmerz beseitigen.

Gott will das volle Leben für uns Menschen. Ein Leben, in dem es keine Leiden-schaft, keine innere Bewegung und keine Angst gäbe, das wäre un-menschlich. Es passte nicht zu uns. Deshalb werden wir wohl nie ganz fertig sein, mit der Angst. Wir werden sie nicht ein für allemal los. Und das hat nichts mit fehlendem Glauben zu tun. 

So gesehen birgt  der christliche Glaube die Ermutigung, sich aktiv mit seiner Angst auseinander zu setzen. Das geht am besten, wenn wir sie nicht in uns hineinfressen, sondern indem wir im Gebet Gott von unserer Angst erzählen. Er wird uns die Angst nicht einfach wegnehmen. Aber er wird uns dabei helfen, mit ihr fertig zu werden. Nicht zuletzt auch durch Menschen, die uns in unserer Angst nahe sind und die uns einfühlsam und verständnisvoll begegnen.

Audiobeitrag "In der Welt habt ihr Angst..."


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