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Die Rose
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, kürzlich besuchte ich an einem Abend eine 93-jährige Frau im Krankenhaus. Sie hatte darum gebeten, dass ich mit ihr das Abendmahl
an ihrem Krankenbett feiere. Auf die Frage, wie es ihr heute gehe, sagte sie: Ach, ich bin zufrieden. Ihre Erkrankung schien sie gar nicht so wichtig zu nehmen. Sie erzählte stattdessen von ihrem Mann, der schon vor mehr als zwanzig Jahren verstorben war. Sie erzählte, dass sie zwei Weltkriege überlebt hatte und wie glücklich sie gewesen war, als sie ihren Mann, schließlich einige Monate nach Kriegsende wieder in die Arme schließen konnte. Die beiden waren nämlich durch die Wirren des Krieges für Monate voneinander getrennt, ohne zu wissen, wie es dem anderen geht. Und sie erzählte davon, wie einsam sie sich manchmal fühlt. Die meisten von ihren Freundinnen und Bekannten waren nämlich auch schon längst verstorben kein Wunder, wenn man die neunzig schon überschritten hat. Ja, so ist das, seufzte sie, wenn man so alt wird.
Kinder habe sie auch keine, leider. Aber und sofort hellte sich ihr Gesicht auf aber sie habe eine Nichte. Die sei sehr freundlich und so aufmerksam. Und sie besuche sie regelmäßig. Die verwöhnt mich richtig, sagte die alte Dame und während sie das sagte, deutete sie auf ihren Nachttisch. Sehen Sie mal, so was macht die auch. Das bringt sie mir eine einzelne Rose mit, ist das nicht reizend? Und während sie das sagte, strahlte sie über das ganze Gesicht. Ich sah eine wunderschöne gelb-orange blühende Rose, die in einer enghalsigen kleinen Vase auf ihrem Nachttisch stand.
Wir teilten Brot und Wein miteinander. Wir waren uns einig, dass das eine gute Gelegenheit sei, Gott gemeinsam zu danken für dieses betagte Leben, die kleinen Aufmerksamkeiten, die das Leben schön machen und für diese Nichte, die selbst schon über siebzig - ihrer Tante in all den Jahren die Treue gehalten hatte und sie nun auch im Krankenhaus regelmäßig besuchte. Wir verabschiedeten uns voneinander, sie bedankte sich, dass ich zu ihr gekommen war, und dann sagte sie sichtbar erleichtert: jetzt kann ich ruhig schlafen.
Auf dem Weg zu meinem Auto ging mir ein Lied aus dem Gesangbuch durch den Kopf. Das muss an dieser wunderschönen Rose gelegen haben. Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht
Das Lied spielt in seiner ersten Strophe auf das Rosenwunder bei Elisabeth von Thüringen an. Sie gilt als Heilige. Um ihre Person haben sich viele Legenden gebildet. Einmal so wird erzählt- schmuggelte sie einen Korb voller Brot für arme Leute aus dem Haus. Ihr Vater war damit gar nicht einverstanden und als sie eines Tages von ihrem Vater dabei ertappt wurde und sie voller Verlegenheit und Angst das Tuch über dem Korb wegnahm, da war der Korb voller Rosen, Brot war nicht zu sehen.
Für mich ist die Nichte der alten Dame auch eine Heilige. Nicht, weil sie etwas Großartiges oder Spektakuläres getan hätte. Sondern, weil sie ihre Tante in ihrer Einsamkeit nicht vergessen hatte. Weil sie den Kontakt zu ihr gehalten hatte. Weil sie ihre Tante verwöhnte und ihr gegenüber aufmerksam war. Und: weil in den Augen der alten Dame diese einzelne Rose auf dem Nachttisch so viel bedeutet hatte.
Die Rose
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