Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.04.06, 7.50 Uhr, Frank Küchler

Die beste Krankheit taugt

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,die beste Krankheit taugt nichts, sagt der Volksmund. Aber das stimmt nicht immer. Mancher Patient den ich im Krankenhaus besucht

habe, hat es jedenfalls anders er-lebt. Ausgerechnet das Krankenhaus ist manchmal der Ort, an dem ein Mensch mit sich selbst in ein tieferes Gespräch kommt. Ich empfinde es als eine Ehre, hier und da an einem solchen inneren Gespräch ein wenig teilnehmen zu dürfen. Da drängen sich auf einmal Fragen und Gedanken in den Vordergrund, die sonst überhaupt keine Rolle gespielt haben. Wie habe ich mein Leben bis hierher gestaltet? Was habe ich erreicht? Was sind meine Wünsche für das Leben, das noch vor mir liegt? Was will ich unbedingt anders machen, und wie kann ich das erreichen? Wovon träume ich?

Mir sagen Menschen, die krank sind, dass sie ein solches tieferes Nachdenken über das eigene Leben als ausgesprochen fruchtbar und förderlich empfinden. Es tut gut, einmal aus dem Abstand heraus auf das eigene Leben zu schauen. In diesem Sinn hat manch einer die Zeit seiner Krankheit auch als eine erfüllte Zeit empfinden kön-nen.

Nicht unbedingt von vornherein, nein: ganz und gar nicht. Oftmals stehen erst einmal Wut und Ärger und Auflehnung im Vordergrund. Denn meist kommt eine Krankheit ja gerade dann, wenn man sie überhaupt nicht gebrauchen kann. Meist wird ein Mensch ganz plötzlich aus allen Alltagsbezügen von jetzt auf gleich herausgerissen. Das muss man erst einmal verkraften.

Aber Gott sei Dank ist der Mensch so gestrickt, dass er sich mit den Gegebenheiten nicht einfach abfindet. Er will verstehen, will begreifen, was mit ihm geschieht. Er will das, was ihm widerfährt, einordnen und sucht nach Antworten. Er will dem, was pas-siert einen Sinn abgewinnen. All das gehört dazu, wenn ich mich mit einer Krankheit auseinandersetze.

Ich finde es ermutigend, zu sehen, wie es Menschen gelingt, sich dieser Aufgabe zu stellen. Ich bin auch fest davon überzeugt, dass hier der tiefere Sinn einer Krankheit liegt: nämlich, dass sie überwunden wird. Das gilt auch da, wo es keine Heilung mehr geben kann. Natürlich ist es schwer, sich damit abzufinden, dass man früher sterben muss, als man sich das ursprünglich gewünscht hat. Manche Pläne können nicht mehr verwirklicht werden. Vieles muss man loslassen. Aber es kann gelingen, dies als eigenen Weg anzunehmen und sich mit der traurigen, vielleicht bitteren Wirklich-keit auszusöhnen. Auch so kann Krankheit überwunden werden.

Die beste Krankheit taugt, liebe Hörerinnen und Hörer. Manchmal jedenfalls. Sie taugt dazu, dass jemand eine neue Sicht auf sein Leben bekommt,  sein Leben neu als Geschenk empfinden kann. Es kann das Bewusstsein wachsen, dass Gesundheit  nicht selbstverständlich ist. Dass wir auch kein Recht darauf haben. Sie taugt dazu, dass neue Dankbarkeit Gott gegenüber wächst. Wo das geschieht, da ist ein Mensch im tieferen, im eigentlichen Sinn „gesund“ geworden.

Audiobeitrag Die beste Krankheit taugt


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