Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.04.06, 5.56 Uhr, Pfarrer Jost Klausmeier-Saß

Utopie

Ach hätten wir doch mal wieder eine richtig große Utopie! So einen Traum von einer besseren Welt. Einer Welt, die dann aber doch die ist, in der wir leben. Nur besser.

Viel besser und ganz anders. Der Traum vom Himmel auf Erden - mitten im Leben. So etwas wie ein Schlaraffenland für alle - natürlich ohne Gammelfleisch, Vogelgrippe, Schweinepest und die anderen Ferkeleien Für jeden ein Stück heile Welt - und das weltweit. Eine richtig große Utopie.  Was ließe sich da alles vorstellen und erträumen! Zum Beispiel:

Wer arbeiten kann, der findet auch Arbeit. Und die ist auch noch befriedigend und nicht unterbezahlt. Sogar noch für Ältere gibt’s offene Stellen! - Soziale Lasten - ? –davon braucht in unserem Utopia niemand mehr sprechen! Ach hätten wir doch mal wieder eine richtig große Utopie! Wo wir all unsere Sehnsüchte und Hoffnungen zusammentragen und zusammen träumen. So ein großer Traum, dass Gerechtigkeit siegen soll und wird. Und der Begriff „Terror“ kommt in unserem Wortschatz dann gar nicht mehr vor!

Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, vermuten jetzt womöglich, ich hätte völlig den Draht zur Realität verloren. Ich versichere ihnen aber, ich meine es ganz ernst. Wir brauchen eine Utopie. Einen Traum von einer besseren Welt.  Einer Welt, in der es gerecht und friedlich zugeht. Wo wir den Nächsten lieben wie uns selbst, wo wir einander vergeben und  barmherzig miteinander umgehen. Wir sollten so einen Traum träumen. Wir sollten glauben, dass es möglich ist: unsere Welt dahin zu verändern. Denn wenn wir nicht träumen, rumspinnen, uns eine bessere Welt denken, dann halten wir unseren Alltag womöglich noch irgendwann für normal!

Und unsere Welt für unveränderbar. Und glauben, dass sich gar nichts mehr verändern lässt. Wir brauchen eine richtig große Utopie. So eine wie die des Propheten Jesaja, der sich vorstellen kann, dass der Löwe beim Lamm liegt: also - Frieden überall. So eine wie von Jesus, der gerade den Sanftmütigen die Erde verspricht. Und nicht den Siegern aus der Ellbogengesellschaft. So eine wie von Karl Marx, mit seinem Traum von einer Gesellschaft ohne Klassenschranken. Kein Proletariat und kein Jetset mehr, sondern rundum zufriedene Menschen. Und Martin Luther Kings Traum von einer Gesellschaft ohne Ausgrenzung und Verachtung. Und natürlich auch mit ihrem Traum von der ganz persönlichen besseren Welt für alle. In der Straßenbahn wird nicht rumgepöbelt, die Arbeitskollegen mobben sich nicht. Sie sind mit dem Leben zufrieden genießen es Tag für Tag. „Bescheidenheit“ klingt dann nicht nach „Langeweile“ und „Verzicht“ klingt nach „Befreiung“. „Teilen“ würde mit „Reichtum“ übersetzt und alle, die nach Gerechtigkeit hungern, werden endlich satt.  Ich bin mir sicher: Ohne Utopie keine Hoffnung. Ohne Hoffnung keine Veränderung. Und Veränderung beginnt mit Utopien und Träumen. Lassen sie uns also träumen und realistisch bleiben  Unser Alltagsleben leben und hoffnungsvoll sein. Uns für das Gute einsetzen - und für das Bessere.

Audiobeitrag Utopie


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