Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.04.06, 5.56 Uhr, Pfarrer Jost Klausmeier-Saß

Gottesdienst im Alltag

Mit Speck fängt man Mäuse. Sagt der Volksmund. - Schlecht für die Mäuse. Mit Speck kann man aber auch Leben retten. Ich kannte einen Mann, der hieß Wilhelm Braun und war

Bergmann im Ruhrgebiet. Von Religion hielt er nicht viel; war zwar katholisch, aber Glauben oder gar Kirche spielten keine Rolle in seinem Leben. Auch wenn er schon vor mehr als 10 Jahren verstorben ist, - seine Geschichte mit dem Speck geht mir von Zeit zu Zeit immer wieder durch den Kopf.  Wilhelm Braun, so hat er mir selbst erzählt, wollte mit Speck eigentlich sein Leben schützen. Indem er bei seiner schweren Arbeit „unter Tage“, „vor Kohle“ Speck kaute. Das gab ihm Kraft und sollte vor allem verhindern, dass zuviel Kohlenstaub in seine Lungen dringen könnte. So meinte er. Und kaute, jahraus, jahrein.

Auch während des zweiten Weltkrieges. Da war er nicht Soldat, sondern war als Bergmann unabkömmlich, Kohlen mussten ja weiter gefördert werden.  Wilhelm Braun musste außerdem Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene aus Russland und Polen beaufsichtigen - und befehligen. Die waren zur Arbeit im Kohlebergbau an der Ruhr gezwungen worden, weil ja viele Bergleute auch an der Front waren. Als Wilhelm Braun begriff, dass die Kriegsgefangenen wie Sklaven behandelt werden sollten, sie hungern mussten und ihr Leben nichts galt, da gab er ihnen heimlich von seinem Speck ab, den er sich immer wieder  mit zur Arbeit brachte. Weil er nicht begriff, dass man diese Menschen so schinden sollte. Das hat wohl manchen Gefangenen bei Kräften gehalten und vor dem Zusammenbruch bewahrt.

Und als die Amerikaner schließlich 1945 das Ruhrgebiet befreiten, da verprügelten die ehemaligen Zwangsarbeiter ihre Aufseher und Ausbeuter, - aber Wilhelm Braun nannten sie „Kamerad“ und setzen sich bei den Amerikanern für ihn ein. Jesus hat einmal gesagt: „Was ihr einem von meinen geringsten Brüdern getan habt“ – und damit meinte er sicher auch Kriegsgefangene –  „Was ihr einem von meinen geringsten Brüdern getan habt - das habt ihr mir getan“.

Es gibt Situationen im Leben, da ist es völlig gleichgültig, was man glaubt und wo man religiös steht. Entscheidend ist, dass man das Richtige tut. Auch deshalb finde ich das Beispiel von Wilhelm Braun so bewegend. Er hat das Rechte getan, auch wenn’s verboten war - Menschlichkeit statt Ausbeutung gelebt. Sich um die geringsten Brüder bemüht, die ihm in seinem Arbeitsalltag begegneten. Und noch etwas verbinde ich mit der Geschichte von dem Mann mit dem Speck, der Leben rettet: Dietrich Bonhoeffer, der evangelische Theologe, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, hat es einmal so formuliert:  „Es gibt aber kaum ein beglückenderes Gefühl, als zu spüren, dass man für andere Menschen etwas sein kann. Dabei kommt es gar nicht auf die Zahl, sondern auf die Intensität an. (...) Gott selbst lässt sich von uns im Menschlichen dienen.“

Das ist eine gute Beschreibung, worum es im Leben im Sinne Jesu geht: „Gott selbst lässt sich von uns im menschlichen dienen.“ – : Wenn ich mich um den Mitmenschen bemühe, manchmal nur in kleinen Gesten, tue ich viel mehr, als mir manchmal bewusst ist. Es sind oft gar nicht die außergewöhnlichen Lebenslagen.  Es ist der Alltag in dem wir uns als menschlich erweisen können und Gott dienen – auch wenn wir es manchmal gar nicht wissen oder Religion sonst keine große Rolle für uns spielt. Ein Stück Speck in der richtigen Hand kann Leben retten. Aus Feinden Kameraden machen. Und ein Gottesdienst mitten im Alltag sein.

Audiobeitrag Gottesdienst im Alltag


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