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Der Herr tötet und macht lebendig
Niemals. Ein schreckliches Wort. Das schrecklichste Wort in der deutschen Sprache. Nur das Wort Tod ist damit vergleichbar. Tod ist das große Niemals, ewiges Niemals.
Hinweggefegt ist alle Hoffnung, alle Möglichkeit, alle Zukunft. Manchmal stellt sich dem Niemals ein trotziges Vielleicht entgegen. Es bekommt Unterstützung durch die Überlegung Was, wenn
Dann behält der Tod nicht das letzte Wort. Auf Karfreitag folgt Ostern. Klagelieder werden durch Hoffnungsmelodien abgelöst. Ich kommen ins Staunen und Singen. Denn das Leben fängt noch mal an.
Niemals. Dieses schreckliche Wort ist einer Frau auf die Stirn geschrieben, von der das Alte Testament, die hebräische Bibel, erzählt. Hanna. Hanna ist kinderlos. Eine Schande - damals. Ein unnützer Mensch - in der Vorstellung der alten Welt. Kränkung und Spott schlagen ihr entgegen. Sie weint. Sie ist verzweifelt. Sie betet zu Gott um den Funken Hoffnung, der uns leben lässt, um das gnädige Vielleicht, das dem Niemals Einhalt gebietet.
Da wird Hanna schwanger und bringt einen Sohn zur Welt - Samuel. In ihrem Glück, in ihrem Staunen über Gott, den Freund des Lebens, öffnet sich ihr stummer Mund, und sie singt ein Lied, das uns in 1. Samuel 2 überliefert ist:
Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN, mein Haupt ist erhöht in dem HERRN. Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils. / Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist. / Lasst euer großes Rühmen und Trotzen, freches Reden gehe nicht aus eurem Munde; denn der HERR ist ein Gott, der es merkt, und von ihm werden Taten gewogen. / Der Bogen der Starken ist zerbrochen, und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke. / Die da satt waren, müssen um Brot dienen, und die Hunger litten, hungert nicht mehr. Die Unfruchtbare hat sieben geboren, und die viele Kinder hatte, welkt dahin. / Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf. Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht. Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus dem Kot, dass er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse.
Sag niemals Niemals! Lange bevor Frauen den weggewälzten Stein am Grab Jesu sehen, singt Hanna dieses vorösterliche Osterlied. Sie singt vom neuen Anfang, den Gott schenkt, vom Leben, das den Tod besiegt, von Gerechtigkeit für die Armen, von Würde der Gedemütigten, vom Scheitern der Feindschaft und vom Sieg der Liebe von Hoffnung, die der Trauer aufsässig ins Wort fällt. Sie singt von Gott, dem Herrn über Leben und Tod.
Erst später - viel später - haben Christen bekannt: Dieser Gott hat Jesus vom Tod auferweckt.
Ich möchte singen. Ich will die Melodie der Hanna im Ohr behalten. Ich will mich aufmachen und nach Ostergeschichten suchen, die Hannas Erfahrung beglaubigen: Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf.
Eine Ostergeschichte, die der biblischen Hanna Recht gibt, ist die Partnerschaft der Wassenberger Kirchengemeinde mit der russischen Stadt Pskow. 1991, 50 Jahre nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die damalige Sowjetunion, machten sich rheinische Christen auf, um das Wort Versöhnung neu zu buchstabieren. Nach Jahrzehnten des Kalten Krieges sollte ein neues Kapitel zwischen den Völkern aufgeschlagen werden. Brücken bauen. Sich besuchen. Verträge mit Leben füllen. Das Wort Frieden muss in die Herzen der Menschen geschrieben werden, um Kreise zu ziehen.
1991 ist in Russland ein schreckliches Jahr. In den Läden gibt es kaum etwas zu kaufen. Sogar Brot ist knapp. Egal, wo man sich umschaut, es gibt nichts, was nicht verbeult, defekt, geflickt, verbogen und schmutzig ist. Der Kampf ums nackte Dasein ist unbarmherzig. Die Menschen drängeln, rempeln, schubsen. Jeder will irgendwie durchkommen. Wer schwach ist, hat keine Chance.
Eltern behinderter Kinder haben viele Sorgen. In Russland ist alles noch schwieriger. Die Wohnungen sind eng. Rollstühle fehlen oder sind unbrauchbar. Förderung gibt es nicht. Das Geld fehlt an jeder Ecke, besonders für Soziales. - Viele Familien sehen keine andere Möglichkeit, als einen Heimplatz zu suchen. Die Anstalt - eine Endstation. Kontakte brechen ab. Die Pfleger sind überfordert. Das Wort Würde wird klein geschrieben. Für ein behindertes Kind in Russland steht fest: Niemals wirst du laufen. Niemals wirst du dich selbst versorgen. Niemals wirst du entdecken, was in dir steckt.
Die Evangelische Kirchengemeinde Wassenberg und die Rurtalschule Oberbruch beraten miteinander. Es gibt kein Geld, es gibt kein Konzept, nicht einmal ausgebildete Mitarbeiter. In einer verrückten Hoffnung wird entschieden, in der russischen Stadt Pskow ein Heilpädagogisches Zentrum zu gründen, eine Tagesstätte für Kinder mit schweren Behinderungen. Durch Spenden finanziert. Sag niemals Niemals. Seitdem wird in Wassenberg manches russische Osterlied gesungen.
Das Loblied der Hanna aus dem 1. Samuelbuch ist uns nur als Text überliefert. Wir kennen die Melodie nicht. Ich stelle mir vor, wie die Kinder im Heilpädagogischen Zentrum Pskow danach tanzen.
Julia tanzt gern nach rhythmischer Musik - und rudert mit den Armen, als wollte sie alle Traurigkeit vertreiben. Mit seiner Logopädin trainiert Sascha die Aussprache alltäglicher Worte. Dabei zeigt sie ihm kleine Piktogramme. Katja hat gelernt, beim Mittagessen ohne Hilfe einen Löffel zu benutzen. Stolz präsentiert sie das gezähmte Besteck. Lena badet im Therapiebecken der Krankengymnastik. An der Werkbank erprobt Andrej einfache Handgriffe. Alltagsszenen aus unserer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen. Eine Kirchengemeinde und eine Förderschule haben gemeinsam mit ihren russischen Partnern eine Insel der Hoffnung geschaffen. Es wird gelernt, gearbeitet, gesungen, gespielt, gefeiert. Ein fröhlicher Ort. Eine Ostererfahrung. Das Wort Niemals hat sich lächerlich gemacht.
Über Jahrzehnte hinweg galten Menschen mit Behinderungen in Russland als hoffnungsloser Störfall im System, wurden weggeschlossen - zu Hause oder in Anstalten. Kategorie: nicht förderfähig! Warum soll man jemanden fördern, der doch nicht in den normalen Arbeitsprozess eingegliedert werden kann? fragen die Leute. Warum hier Geld investieren, während es überall knapp zugeht? Habt ihr Medizin, die die Kinder gesund macht? Müssen sie operiert werden? Das ist doch kein Leben! Mit einer Behinderung! Das bringt doch nichts!
Die Eltern der behinderten Kinder zünden eine Kerze an. In Russland brennen viele Osterkerzen. Sie trauen ihrer Liebe mehr als der schlechten Prognose. Vielleicht geschieht ein Wunder? - aber das Wunder bleibt aus. Hat sich etwa die biblische Hanna geirrt, wenn sie singt: Der Bogen der Starken ist zerbrochen, und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke? Was bleibt ihnen übrig, als auf die kleinen Siege zu schauen: ein glückliches Gesicht, eine Fahrt im Rollstuhl über den Markt, der Stolz gegenüber hemmungslosen Gaffern. Erst im Laufe der Jahre geht den Eltern auf, dass an jedem Tag neu das Scheitern besiegt werden will, dass Geduld ein gutes Medikament ist, dass verstehende Augen viel zu erzählen haben.
Krasiwa, sagt Katja. Es ist das einzige Wort, das sie sprechen kann, und es heißt schön. Krasiwa ist der Borschtsch, den sie löffelt, das Gesicht der jungen Freiwilligen aus Wassenberg, der neue Pullover, der aus dem Kleiderlager kommt, das Lied, das die russische Lehrerin mit ihr einübt. Krasiwa - das Leben ist schön. Da sieht sie mehr, als wir sehen.
Kerzen, auch Osterkerzen, vertreiben nicht die Finsternis. Ostern erspart uns nicht die Erfahrung des Todes, des Scheiterns, der Krankheit und Behinderung. Ostern schickt uns vielmehr auf die Suche nach Lichtern der Hoffnung mitten in der Verzweiflung, nach Hinweisen auf das Leben, das Gott jedem Menschen schenken will. Ein Leben in Würde, das nicht auf die Defizite festlegt, sondern das Wunderbare entfaltet, das in Jedem steckt. Wir sind, wie wir sind, Gottes Ebenbilder. Voller Möglichkeiten, voller Chancen, voller Zukunft. Krasiwa - das Leben ist schön.
Ostern: nach Zeichen der Hoffnung suchen, das Wort niemals aus dem Wortschatz streichen, die Welt mit den Augen Gottes sehen.
Zum Osterfest, liebe Gemeinde, gehört die doppelte Erfahrung: Das Leben läuft im alten Trott - das Leben fängt noch mal an. Die Welt hat sich nicht verändert. Das Wort Niemals in den Schlagzeilen der Zeitung gibt den Todesmächten Recht. Irgendwo auf der Welt wird Krieg geführt. Die Starken setzen sich gegen die Schwachen durch. Die Armen werden ärmer und die Reichen reicher. Überall wird jemand gekreuzigt und niemand rollt den Stein vom Grab.
Zugleich aber - blüht Hoffnung, wo niemand es vermutet. Zugleich aber - beginnen Menschen Osterlieder zu singen. Die biblischen Zeugen des Wechsels vom Tod zum Leben tragen Gesichter wie wir:
Frauen, die den Sieg Jesu über den Tod verkündigen, Jünger, die den nächsten Schritt wagen, obwohl der Zweifel tief in ihnen sitzt, Hanna, die Gedemütigte, die von ihrem Gott singt, der Herr ist über Leben und Tod. Die Auferweckung selbst wird in der Bibel nicht geschildert. Wir haben nur die Geschichten von Menschen, die ihre Erfahrungen mit dem Auferweckten machen. Menschen, für die eine neue Situation entsteht, weil Gott sich mit seinen Verheißungen einmischt in ihr Leben. Denn Hoffnung ist immer ein Geschenk. Und das Neue sieht oft anders aus, als wir es erwarten.
Deshalb wünsche ich mir offene Augen, die Ostergeschichten zu sehen, die heute unter uns geschehen - in Deutschland und Russland und überall auf der Erde.
Niemals, habe ich früher gedacht, wird der Ost-West-Konflikt überwunden. Jetzt erscheint diese Ansicht fast lächerlich. Die Partnerschaft zwischen Wassenberg und Pskow macht deutlich, dass Versöhnung kein leeres Wort ist. Niemals, haben einmal russische Bürokraten den behinderten Kindern ins Stammbuch geschrieben, werdet ihr lernen, essen, gehen, trinken, die Toilette benutzen. Aber Gott sagt: Halt! Und hebt den Dürftigen aus dem Staub, wie Hanna singt. Die Pskower Kinder sagen dazu Krasiwa - das Leben ist schön. Und jeden Tag sind neue Seiten zu entdecken.
Das Leben, das Gott schafft, ist stärker als der Tod, stärker als alle Einwände. Zukunft blüht unvermutet im Schatten der Verzweiflung. Darum singen wir, dass das Leben noch mal anfängt. Im Takt der Hanna. Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN, mein Haupt ist erhöht in dem HERRN. Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils. Darum singen wir - auf Deutsch und Russisch. Darum singen wir östlich und westlich - und beides ineinander. Christos voskrese! Voistinu voskrese! Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden! Und das Leben fängt noch einmal an. Amen.

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