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War das mit dem Esel wirklich nötig?
Von heute auf morgen kippt die Stimmung.War gestern noch alles im Lot, stimmt wenige Tage später gar nichts mehr.
Von der Politik und ihren Vertreten könnte ich reden, liebe Hörerin, lieber Hörer, und Sie würden mir vermutlich sofort zustimmen kenn ich, ja, da kann man sich doch auf nichts verlassen. Aber ich rede nicht von denen da oben, sondern von mir, von mir und dem Herrn Jesus in diesen Tagen. Ich bin Hellmut Wiegand, Pfarrer der evangelischen Kirche und in Schwerte tätig in der Ausbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern.
Als Kind gehörte diese Geschichte zu meinen Lieblingsgeschichten: Jesus zieht in Jerusalem ein. Die Menschen säumen die Strasse, sind begeistert, jubeln ihm zu, schwenken Palmzweige hin und her - alles, um ihn gebührend zu empfangen. Manche legen sogar einige ihrer Kleidungsstücke auf den Weg, damit die Füße der Einziehenden nicht schmutzig werden. Für ihn und seine Jüngerinnen und Jünger muss das ein großartiges Erlebnis gewesen sein. So viele Menschen, so viel Begeisterung, schier grenzenloser Jubel, für den, der da kommt. Und sicherlich waren manche dabei, die gar nicht wussten, worum es denn hier ging.
Aber irgendwas stimmt für mich an dieser Geschichte schon immer nicht, dass nämlich er, ausgerechnet er, auf einem Esel sitzt.
Manchmal hab ich mir als Kind in meiner Phantasie vorgestellt, ich würde einmal so empfangen später, wenn ich mal groß bin und wenn ich es zu etwas gebracht hätte. Ganz sicher war ich mir dabei immer, dass ich nicht auf einem Esel reiten würde, auf gar keinen Fall.
Wenn, dann musste es ein richtiges Pferd sein, und ich oben drauf. Dabei konnte ich gar nicht reiten und meine Zuneigung zu Pferden hielt sich eher in Grenzen. Und dennoch war dies für mich immer klar: Wer so einzieht, der muss auch die entsprechenden Statussymbole da-bei haben. Zumindest eins, und zwar eins, das ihn von anderen abhebt. An Willi Brandt erinnere ich mich, wie er als Kanzlerkandidat 1961 in einer offenen Limousine durch das Ruhrgebiet fuhr, oder besser: ge-fahren wurde und sich von seinen Anhängern feiern ließ. Ich war tief beeindruckt und jubelte mit als Junge von etwa 14 Jahren. Ja, das machte was her in diesen eher noch kargen Zeiten. Auch John F. Kennedy wusste um die Wirkung dieses Statussymbols. Und der Papst, jedenfalls der letzte, hatte auch eine Ahnung davon. Nur er nicht, der Held meiner Kindheit: Jesus.
Ich hätte das ganz anders gemacht. Sicher, der Einzug in Jerusalem, der hatte schon was. Aber warum nur ritt er auf diesem Esel? Ich hab das nie so richtig verstanden. Heute ginge das sicherlich gar nicht mehr so. Wer in der Medienge-sellschaft auffallen will, muss ihre Möglichkeiten nutzen, muss überall präsent sein und vor allem auffallen. Wer das nicht beherzigt, der ist schon weg vom Fenster, bevor sein Auftritt begonnen hat. So werden heute Superstars gemacht. Und mit ihnen erfolgreiche Fern-sehsendungen, in denen ich als Otto-Normalverbraucher meinen Superstar selber wählen kann.
Musik (Thema aus Jesus Christ Superstar)
Auch aus Jesus hätten die Menschen gerne einen Superstar gemacht, schon zu seinen Lebzeiten und auch danach immer wieder bis in die heutige Zeit.
Jesus Christ Superstar, wer erinnert sich nicht zumindest an den Titel dieses 70er Jahre Musicals. Die Melodien waren eingängig, Jesus war plötzlich wieder in aller Munde und auf den Titelblättern vieler Illust-rierten. So sollte aus Jesus ein Superstar werden, ganz so, wie es dem Zeitgeist der 70er entsprach: ein bisschen Hippie, freundlich, von in-nen heraus ganz offen, außen eher zugewachsen.
Geblieben ist davon wenig. Jesus verschwand wieder in der Versenkung. Er selber hat sich ja so weit wir wissen zu Lebzeiten standhaft geweigert, ein Superstar zu werden oder einen aus sich machen zu lassen, obwohl seine Anhänger ihn immer wieder dazu drängten.
Seine Wundertaten, seine Krankenheilungen hat er so weit wir hören - lieber im Stillen vollzogen und oftmals sogar den Beteiligten verbo-ten, anderen davon zu berichten. Ausgesprochen bescheiden oder, wie man in diesem Zusammenhang eher sagt: demütig. Und genauso kommt er jetzt nach Jerusalem: nicht hoch herrschaftlich zieht er ein er reitet auf einem geborgten Esel.
Die Menschen jubeln ihm dennoch zu, sind offensichtlich ganz begeistert von seinem Auftritt beim Einzug in Jerusalem. Doch in wenigen Tagen wird sich die Stimmung gewandelt haben. Was gestern noch galt, stimmt morgen nicht mehr. Gab es gestern überall Jubelrufe, so werden die Menschen morgen das Kreuzige, kreuzige ihn! schreien. Lieber wollen sie den Verbrecher Barnabas begnadigt sehen, als den, den sie wenige Tage zuvor noch als einziehenden König begrüßt und bejubelt haben.
Wie kann das sein? Wie ist das möglich? Ich glaube ja nach wie vor, dass das an dem Esel liegt. Wie hatte er das auch nur machen können? Musste das denn unbedingt sein? So eine Provokation und dann noch eine, die man erst auf den zweiten Blick als solche wahrnimmt.
Musik (Thema aus Jesus Christ Superstar)
Nun gibt es ja manche Erklärungen dafür, warum Jesus auf einem Esel reitend in die Haupt- und Königsstadt Jerusalem einzog, ja gewissermaßen auf einem Esel einziehen musste.
Das alte Schriftwort etwa: "Juble laut, Tochter Zion! Jauchze Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, dieses alte Wort des Propheten Sacharja sollte mit Jesus als dem erwarteten Messias in Erfüllung ge-hen. Jesus musste sich gewissermaßen als dieser König ausweisen. Hier sollte sich nun endlich zeigen, dass Jesus der ist, auf den die Men-schen seit Generationen gewartet haben.
Aber - ich bin mir gar nicht sicher, ob die Menschen, die ihm damals an den Toren der Stadt Jerusalem zugejubelt haben, davon überhaupt etwas wussten und ob sie dieses alte Prophetenwort kannten. Das waren ja nun eher ganz einfache Menschen, die da an den Toren standen, saßen oder lagen. Es waren diejenigen, die ihr Leben kaum alleine bewältigen konnten, die auf Hilfe angewiesen waren, auf die Almosen der Vorübergehenden: Bettler, Krüppel, Aussätzige, Landstreicher, Tagelöhner ohne Arbeit. Perspektiven gab es für deren Leben nicht. Für sie galt nur eins: überleben irgendwie!
Die meisten von ihnen hatten sicherlich schon etwas gehört von die-sem Mann, der da in der Ferne auftauchte, mitsamt seinem Gefolge - Männer und Frauen aus Galiläa, Leute, denen man schon von weitem ansehen konnte, dass sie keine Stadtmenschen sind. Aber immerhin sie gehören zu dem, dessen Einzug in die Stadt hier von allen Seiten bejubelt wird und von dem man schon unglaubliche Dinge meist hinter vorgehaltener Hand - gehört hat. Über das, worüber Menschen nicht reden sollen, sprechen sie doch am allerliebsten.
Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht von seiner Ankunft in Jeru-salem ausgebreitet. Immer mehr Menschen kamen, um diesen Jesus aus Nazareth zu sehen und zu bejubeln. Manche wussten von Wundertaten zu berichten, von Heilungen, sogar einen Toten sollte er aufer-weckt haben. Ja, sagten andere, die sich in den Schriften auskannten, das ist der neue König, ein Gerechter und ein Helfer, wie der Prophet es geweissagt hat.
Einer neuer König?, sagten darauf andere, so sieht er auch aus! So wie der rumläuft, könnt er grad einer von uns sein! sagten die Bettler vom Stadttor. Ein schöner König ist das - auf einem Esel!.
Musik (Thema aus Jesus Christ Superstar)
Es war eine eigenartige Stimmung, die sich da auf der Einfallstraße in Jerusalem zusammenbraute. Nach außen waren alle begeistert. Gemeinsamer Jubel steckt an man hat ja sonst wenig Abwechslung und selten auch mal Grund zum Jubel.
Aber tief drinnen machte sich bei manchen schon Skepsis breit. Wenn das der von Gott gesandte Messias sein soll, dann müsste der doch ganz anders auftreten. Eher so wie Herodes, unser König, oder wie Pilatus, der Römer, der hier letztlich das Sagen hat. Denen sieht man schon auf den ersten Blick an, dass sie etwas Besonderes sind auch wenn es jede Menge zu kritisieren gibt an denen.
Das wäre ja noch schöner, wenn Gott uns einen schickte, der so wie wir ist, der sich gar nicht abhebt von uns, zu dem man nicht einmal aufsehen kann! Der neue König auf dem Tier der armen Leute: ein Esel so eine Provokation.
Und so nahmen die Dinge ihren Lauf. Die Anhänger und Anhängerin-nen Jesu mussten wenige Tage später die größte Enttäuschung ihres Lebens hinnehmen. Keine Zeitenwende, keine Befreiung, kein Neube-ginn, alles blieb beim alten. Und dieser Jesus landete am Kreuz.
Die Mächtigen im Land waren überrascht: so einfach hatte es ihnen lange keiner mehr gemacht. Wer aufmüpfige Reden hält und gegen die herrschende Ordnung opponiert, der muss auch bereit sein zum aktiven Widerstand. Vor allem aber, er muss seine Sympathisanten hinter sich scharen, muss vorneweg marschieren, muss zeigen, wer er ist und dass er bereit ist, die Herrschaft zu übernehmen. Sonst wird mit ihm kurzer Prozess gemacht. Da sind sich die Mächtigen und die Ohnmächtigen im Lande einig.
Und letztlich war der Esel dran Schuld. Es hätte einen Aufruhr, einen Aufstand in Jerusalem gegeben, wenn Jesus wirklich wie der neue Kö-nig eingezogen wäre, hoch zu Ross - wie es sich gehört - und mit der Absicht die Herrschaft zu übernehmen. All das Gute, das man schon von ihm gehört hatte, all die Hoffnung, die man so lange schon mit sich herumtrug, das hätte nun endlich ein Gesicht bekommen. Die kleinen Leute - aus denen hätte was werden können. Und dann Gnade den Herrschenden Gott.
Aber so war es nicht. Nein, nicht die Herrschenden mussten um ihr Leben fürchten, sondern er: Jesus - und seine Anhänger. Und Gnade gabs für sie keine. Er landete am Kreuz und seine Jünger rannten um ihr Leben. Welch eine Riesen-Enttäuschung. Und dann der Spott, der dem allen noch die Krone aufsetzte. Als Anhänger eines Eselskultes wurden die frühen Christen verunglimpft. Bitterer gings ja nun nicht mehr.
Nein es war kein echter Triumphzug der Einzug in Jerusalem. Da nutz-ten auch die jubelnden Menschen am Straßenrand nichts, die die Palm-zweige schwangen, um dem Einzug wenigstens den Anschein des Triumphalen zu geben. Es blieb enttäuschend und dieser Enttäuschung folgte die Bestrafung auf dem Fuße.
Wir Christen haben diese Enttäuschung glaube ich - bis heute nicht wirklich verkraftet. Haben immer wieder Gelegenheiten gesucht, diese Enttäuschung zu kompensieren: vom triumphalen Kreuzzug ins heilige Land, über Mission mit Feuer und Schwert, Deutschen Christen unter wehenden Hakenkreuzflaggen, bis hin zu einer Politik gegen das Böse im Namen westlich christlicher Werte und dem Nachdenken darüber, wie Kirche wieder groß und wichtig werden kann in unserem Land.
Jesus ist auf seinem Esel sitzen geblieben, hat sich nicht verführen, sich nicht vor den Karren derer spannen lassen, die das Auftreten eines Triumphators von ihm erwartet hatten.
Er ist sich und seinem Auftrag treu geblieben. Bis Ostern hat er das durchgehalten. Fast hätte es keiner bemerkt, dass er den Tod überwunden hat ganz leise, ohne Getöse, ohne Donner oder Glockenschlag.
Gut dass Maria am Ostermorgen noch einmal einen Besuch am Grab machen wollte. Dort fand sie dann einen Mann, den sie zunächst für den Friedhofsgärtner hielt. Erst beim genauen, sehr genauen Hinsehen hat sie dann bemerkt, dass dieser Mann der Auferstandenen ist, der noch wenige Tage zuvor auf einem Esel in Jerusalem eingezogen war.
Einen guten Palmsonntag wünscht Ihnen Hellmut Wiegand von der Evangelischen Kirche
War das mit dem Esel wirklich nötig?
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