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Leiden tragen
Es ist eine ungeheure Zumutung, und dennoch sehe ich keine andere Lösung: Leiden wird nur überwunden, wenn ich es annehme und trage.
Nein, ich meine nicht die kleinen Leiden wie eine Schnittwunde oder einen Beinbruch; ich meine nicht die Menschen-gemachten Störungen des Lebens durch Lärm und Verkehrschaos oder Umwelt-Gifte... Dafür gehe ich zum Arzt oder fordere die Pflicht von Politik und Wirtschaft. Doch wenn ich das alles so weit ich nur kann behandelt, beseitigt habe, ihm vorbeuge.., dann bleibt da immer noch die Frage des Leidens. Die Zumutungen des Lebens, mein Dasein mit den Behinderungen, den einengenden Bedingungen des Lebens zu denen letztlich und allermeist der Tod gehört, der uns von allem Anfang an in den Genen steckt, in jeder Zelle des Lebens... Es bleiben die Enttäuschungen und Schmerzen der Seele, wenn Liebe ihr Ziel verfehlt oder wenn die Ohnmacht mich frisst, weil die Not in der Welt zu riesig ist.. Was mache ich mit dem Leiden, das ich sehe, das sich mir auf die Seele legt?
Es wird nur überwunden, wenn ich es annehme und trage. Das klingt hart. Das klingt auch sehr unbarmherzig für den, der viel mehr als ich zu tragen hat. Ich aber sehe keinen anderen Weg. Es wurde mir noch einmal deutlich, als ich von einer Begegnung mit dem großen Psychologen und Therapeuten Carl Gustav Jung las. Als er einen Besucher empfängt, hängt in seinem Arbeitszimmer die Nachbildung eines Kirchenfensters mit dem Gekreuzigten. Er weist seinen Besucher darauf und sagt: Sehen Sie, das ist doch das Entscheidende für uns. Jung ist gerade in Indien gewesen und da ist ihm neu aufgegangen: Der Mensch muss mit dem Problem des Leidens fertig werden. Der östliche Mensch will sich des Leidens entledigen, indem er das Leiden abstreift. Der abendländische Mensch versucht, das Leiden durch Drogen zu unterdrücken. Aber das Leiden muss überwunden werden, und überwunden wird es nur, indem man es trägt. So weit Carl Gustav Jung.
Das Leiden negieren, seine Wirklichkeit mit Meditation und Versenkung überspringen, das bleibt diesem großen Kenner der seelischen Arbeit fragwürdig. Das Leiden abstreifen? Hakt es sich dann nicht erst recht fest? Finde ich es nicht doch immer wieder vor mir auf der Straße, aber auch im eigenen Herzen? Wird der Berg nicht immer weiter, größer, wenn ich herum will?
Die andere Weise ist mir auf die Dauer nicht hilfreicher: Die Betäubung der Seele mit Medikamenten; es beginnt mit den kleinen Mitteln und Dosen, bis sie mich überschwemmen. Sich abhängig machen von den kleinen Tröstern macht mich vom Leiden nicht frei; es verstrickt mich noch mehr. Valium trägt keine Trauer.
Ich weiß keine andere Hilfe, als das Leiden anzunehmen. Das bedeutet: es ansehen und benennen. Wenn jemand da ist, vor dem ich das tun kann, hilft es mir. Und wenn ich genauer hingesehen habe, das Leiden ausgesprochen habe, dann kann ich vielleicht auch sagen: Du gehörst zu mir. Ich hab dich mir zwar nicht ausgesucht. Aber hier bin ich und hier bist du. Wir müssen gemeinsam weiter. Weil du mich nicht tragen kannst, muss ich dich wohl tragen...
Wie C.G. Jung sagte: ...das Leiden wird nur überwunden, indem man es trägt. Und er fügte hinzu: Das lernen wir alle von Christus.
Leiden tragen
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