Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.04.06, 7.50 Uhr, Pfarrer Eko Alberts

Brief in der Hand

Ein Brief mit eigener Hand geschrieben, droht zur Seltenheit zu werden. Ein Brief in die eigene Hand geschrieben, dürfte noch weitaus seltener sein.

Und wie, bitteschön, soll das zugehen? Nach einem biblischen Text lässt Gott seinem Volk sagen: “Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet.“

In die Hand gezeichnet – mit diesen Worten wird an einen Brauch erinnert, den es früher im Orient da oder dort gegeben haben soll: Der Verliebte ließ den Namen seiner Freundin in seine Hand tätowieren. Fotos gab es noch nicht, sind auch nicht immer zur Hand; Ringe kann man abstreifen, aber die Tätowierung war unauslöschlich und ständig vor Augen. “Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet.“

Und so hören wir es auch von Gott: die Welt, die Menschen, du und ich, wir - in Gottes Hand tätowiert. Also: wir kommen ihm nicht abhanden. Unsere Namen in seine Hand geschrieben, verewigt. Endgültig. Und immer nahe und Gott vor Augen. In Gottes Hand ist immer etwas von mir, mein Name, ich selbst.


Du stehst in meiner Hand – als Gott vor gut zweieinhalbtausend Jahren dies seinem Volk sagen lässt, ist für Israel darin die Heimkehr aus der Fremde beschlossen, die Befreiung aus einer Unterdrückung, die Hoffnung auf einen neuen Anfang.

Auch für uns steht in Gottes Hand dieses Versprechen: Ich schenke dir einen neuen Anfang, du darfst auf meine Nähe trauen, darfst auf ein gesegnetes Leben hoffen. Denn Gottes Hand ist nicht die Hand der Gewalt und des Terrors, sie ist die machtvolle Hand des Lebens, die auch durch den Tod hindurch führt; die Hand der Liebe, die dem Hass widersteht; die Hand, die zur Versöhnung gereicht wird.

Nun mögen Sie einwenden: Das kannst du da vor deinem Mikrofon so behaupten, aber wer weiß denn wirklich, was in Gottes Hand ist? Wo ist denn davon etwas zu sehen? Das frage ich mich auch mehr als einmal. Und dann erinnere ich mich an den, der auf dieser Erde erschien und uns diese Hand Gottes zeigt. Eine offene Hand, nicht zur Faust geballt, sondern bereit zur Vergebung, zur Freundschaft, zur Liebe. Er tut es mit seinem ganzen Leben. Wird als Mensch unter Menschen geboren, kennt Freuden und Feste des Menschenlebens, doch die Schattenseiten nicht weniger. Er muss sich von seiner Familie trennen, steht am Grab eines Freundes, wird belastet und muss sich aller Mühe des menschlichen Lebens auf Erden aussetzen. Hunger und Durst erfährt er. Dann aber auch Misstrauen, Verachtung und Verrat; von Freunden wird er getäuscht und enttäuscht, im Stich gelassen in seiner schwersten Stunde, sie wollen ihn nicht mehr gekannt haben.

Doch er wendet sich nicht ab, wird nicht bitter und zahlt nicht mit gleicher Münze heim.  Als er sogar aus der menschlichen Gesellschaft vertrieben wird, bittet er: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

So sorgt er dafür, dass mein Name nicht aus der Hand Gottes gelöscht wird. Am Kreuz wird die Tätowierung besiegelt: “Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet.“

 

Audiobeitrag Brief in der Hand


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