| |
Mitten im Leben
Der Tag nach der Beerdigung. Der Tag, an dem die Zurückgebliebenen zum ersten Mal spüren, wie sehr ihnen der Mensch fehlt, den sie liebten. Das Grab ist geschlossen.
Die Beileidsbekundungen absolviert. Endlich Stille. Endlich Zeit, der Trauer nachzuspüren. Die Leere spüren, die Lücke, die der Weggegangene in jedem Zimmer, bei jedem Schritt, hinterlässt. Zugleich seine bleibende Nähe beinahe körperlich wahrnehmen. Ich bin zurückgeblieben, stehe noch mitten im Leben. Und spüre zugleich, wie hautnah ich vom Tod umfangen bin.
Karsamstag: Ferientag, Einkaufstag, Tag mitten im Leben und doch umgeben vom Tod. Am Karfreitag ist er gestorben, Jesus Christus, von dem die Kirche seit ihren Anfängen lehrt, er sei Gott selbst gewesen. Das Fest seiner Auferstehung feiern wir am Sonntag. Der Tag dazwischen, , war folglich ein Zeitraum, an dem Gott tot und die Welt sich selbst überlassen war. Ein Tag ohne Gott. Karsamstag Tag, an dem wir uns darin üben können, diese Vorstellung auszuhalten: Dass da, wo wir wie selbstverständlich mit Gott rechnen, auch Nichts sein könnte.
Heiliger Herre Gott, heiliger starker Gott, heiliger barmherziger Heiland, du ewiger Gott: laß uns nicht versinken in der bittern Todes Not. Kyrie eleison erbarme dich.
Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben. Eine Weisheit. Und eine Angst, die immer wieder neu in Worte und Verse gefasst wird, zitiert, gebetet, gesungen. Media vita in morte sumus - so lautet die lateinische Urfassung des Liedes, ein beinahe 1000 Jahre alter Psalmgesang. Martin Luther hat ihn in seiner Zeit als junger Augustinermönch mehr als einmal gesungen. 20 Jahre später, als Reformator, übersetzt er ihn ins Deutsche.
Wer will uns aus solcher Not frei und ledig machen? Das tust du, Herr alleine. Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen. Wer ist, der uns Hilfe bringt? Wo solln wir denn fliehen hin? Zu dir Herr alleine.
Wer? Du! Wohin? Zu dir!
Frage, Antwort, Frage. Antwort. Wer fragt, kommt an Grenzen. Das hat Martin Luther selbst erfahren. Und er hat die Angst kennen gelernt: Wenn meine Fragen keine Antwort mehr finden, was bedeutet das? Heißt das, da, wo meine Vernunft endet, kommt nichts mehr? Jenseits meiner Wahrnehmung erwartet mich tatsächlich nichts anderes als eben Nichts? Dass ich ins Leere schaue, wenn ich den Sternenhimmel betrachte. Dass in wegloser Finsternis verweht, was ich einmal war. Dass mein Leben nichts ist als eine schillernde Seifenblase. Zerplatzt sie, bleibt Nichts.
Heiliger Herre Gott, heiliger starker Gott, heiliger barmherziger Heiland laß uns nicht verzagen vor der tiefen Höllen Glut. Kyrie eleison Herr, erbarme dich. Gut ein Jahrzehnt nach dem Tod Martin Luthers erscheint der Heidelberger Katechismus, eine Sammlung aus 129 Fragen und Antworten über alles, was ein evangelischer Christ glauben soll, eine evangelische Christin hoffen darf. Die erste Frage und die zugehörige Antwort haben Generationen von Konfirmanden und Konfirmandinnen auswendig gelernt.
Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Dass ich mit Leib und Seele, beides, im Leben und im Sterben, nicht mein, sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin, der mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst hat. Er bewahrt mich, so dass ohne den Willen meines Vaters kein Haar von meinem Haupt fallen kann, und mir alles zur Seligkeit dienen muss.
Vergossen ist dein teures Blut, das gnug für die Sünden tut... Das ist die abschließende Antwort gleich zu Beginn. Und es ist protestantisches Urgestein. Beinahe wörtlich nimmt der Heidelberger Katechismus das Lutherlied auf. Über vier Jahrhunderte ist das her.
Was daran ist für uns heute noch Trost? Seit der Aufklärung zählt das Selbstbestimmungsrecht des Menschen zu den Grundpfeilern unserer abendländischen Kultur. Kein Mensch hat das Recht, einen anderen zu versklaven, zu verkaufen oder ihn für seine Zwecke auszubeuten. Ich gehöre niemand, nur mir selbst. Und doch komme ich in meinem Leben an Grenzen, wo dieser Leitsatz nicht genügt. Was ist, wenn ich nicht mehr die Kraft habe, mich selbst zu bestimmen, mich selbst zu halten. Wenn ich nicht mehr bin, also nichts mehr von dem übrig ist, woran ich mich festmache, was dann?
Dass ich mit Leib und Seele meines Heilands Jesu Christi eigen bin, ..., der mich bewahrt...
Ich gehöre außer mir selbst noch einem anderen, einem der mich überdauert. Ich gehöre einem, der mich teurer erkauft hat als mit Geld. Mit dem bin ich untrennbar, bis ins Blut verbunden. Er hält mich, wenn ich mich selbst nicht mehr halten kann. Er gibt mich nicht verloren. Er lässt mich nicht versinken. Nicht an diesem Tag, nicht an denen, die kommen. Und erst recht nicht an dem Tag, an dem meine Tage gezählt sind.
Mitten im Leben
|