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Der Riss durch die Wirklichkeit
Es geht ein Riss durch die Wirklichkeit. Wir leben in keiner heilen Welt. Und wenn man der Berichterstattung der Kirche glauben darf, so trennt dieser Riss Schafe von Böcken,
Gute von Bösen, Verräter von Heiligen. In der Geschichte der Christenheit scheint dieser Riss Judas von Petrus zu trennen: den Kuss-Verräter vom dem Mann, der gilt als Fels, auf den Gott seine Kirche bauen will. Dabei haben sie beide keine gute Figur gemacht in der Leidensgeschichte Christi, an die wir uns diese Woche zurückdenken.
Judas war der Rechner und Denker im Kreis um Jesus gewesen, ein eher intellektueller Mann aus Karioth in Judäa ein Mann mit ernstem Gesicht und bedächtigen Blick. Dem Judas konnte man vertrauen. Der hatte den Überblick und durfte die Kasse führen. Und Judas war dafür ausersehen, Jesus zu auszuliefern, was ihm seinen schlechten Ruf eingetragen hat. Und dass er das ausgerechnet mit einem Kuss besiegelte, wurde ihm als Hinterhältigkeit ausgelegt.
Petrus war eher der Pragmatiker und Macher im Kreis um Jesus. Der einfache Fischer, der gern mit anpackt. Sein Gesicht von Wind und Wetter gestählt, Bart und Haar zersaust, die Augen fest auf ein Ziel gerichtet. Petrus hatte große Sprüche im Mund und war Manns genug, dazwischenzulangen. Bei Jesu Verhaftung soll er einem Soldaten ein Ohr abgehauen haben, und Jesus war das gar nicht recht. Petrus war ungeheuer tüchtig, aber auch verletzend. Später dann, nach der Verhaftung, als alle Schüler Jesu geflohen waren, und Petrus Jesus und den Soldaten heimlich gefolgt war, wurde er von einer Dienstmagd erkannt. Er sei doch auch bei Jesus gewesen. Und Petrus leugnet das dreimal.
Alle Menschen, die in der Passionsgeschichte vorkommen, verhalten sich anders, als sie eigentlich wollen. Judas übergibt Jesus an den Tod, Petrus verleugnet ihn, seine Schüler lassen ihn im Stich. Und alle bereuen, was sie getan haben.
Trotzdem: Die Geschichte der Kirche trennt zwischen Verdammten und Gerechten, zwischen dem Verräter Judas, der jämmerlich zu Tode kommt, und Petrus, dem Fels. Eine kleine Sekte, in Syrien entstanden, die für die Rehabilitation des Judas eintrat, wurde alsbald mundtot gemacht. So wird es Zeit, die Geschichte neu zu erzählen, um dem Unrecht auf die Spur zu kommen. Es wird Zeit, dass Menschen aufhören, zwischen Schafen und Böcken zu unterscheiden
Es geht ein Riss durch die Wirklichkeit und dieser Riss trennt Gut von Böse. Aber dieser Riss trennt nicht Gute von Bösen, Verräter von Heiligen, Judas von Petrus. Dieser Riss geht als Zwiespalt durch Judas und Petrus und uns alle hindurch. Und wir können in beiden Gesichtern uns selbst entdecken.
Der Riss durch die Wirklichkeit
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