Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.04.06, 5.56 Uhr, Pfarrerin Sabine Haupt-Scherer

Plädoyer für Judas

Judas, das ist doch der, der Jesus mit einem Kuss verraten hat. Für 30 Silberlinge hat er die Soldaten in der Nacht zu Jesus geführt.

Mit einem Kuss hat er den Soldaten gezeigt, wen sie festnehmen sollten. Wie niederträchtig. Seither ist Judas als Verräter in die Geschichte eingegangen, als Inbegriff des Bösen. Man hat wert gelegt darauf, dass er das büßen musste. Unterschiedliche Geschichten von seinem Ende wurden erzählt. Matthäus erzählt, Judas habe sich erhängt. In der Apostelgeschichte wird erzählt, Judas sei gestürzt und dabei zu Tode gekommen. Nach einer späteren Legende sei er bei lebendigem Leibe verfault und von Würmern zerfressen. So ein Verräter durfte nicht eines natürlichen Todes sterben.

Judas ist bald zum Juden an sich geworden mit allen verheerenden Vorurteilen: geldgierig, verschlagen, unehrlich. Bald spricht man von dem Teufelsgehilfen, der seinen Namen dem ganzen Judenvolk vererbt hat.
So wird der Hass gut bedient, das Weltbild – von Tode Jesu zutiefst erschüttert – wieder gerade gerückt. Und doch: Es bleiben 1000 Fragen.

Man stelle sich vor, wie Jesus mit seinen Schülern in Jerusalem lehrte, jederzeit sichtbar – Was gab es da zu verraten? Jeder hätte ihn bequem finden und ergreifen können.

Der Satan, wird uns berichtet, sei in Judas gefahren.  Für viele wird Judas damit zum Handlager des Teufels und der Hölle. In der Bibel der Juden, dem Alten Testament, ist der Satan jedoch nicht Gegner Gottes, sondern – ähnlich wie die Engel - einer, der im Auftrag oder zumindest mit der Erlaubnis Gottes handelt.  Handelt dann nicht auch Judas im Auftrag Gottes? Das ist umso wahrscheinlicher, als in der Bibel nicht vom verraten, sondern vom überliefern oder dahingeben die Rede ist.
Und dass Jesus dahingegeben wird, ist aus der Sicht der Bibel weder ein Unglück noch eine Überraschung, sondern Plan Gottes. Denn ohne Auslieferung keine Festnahme, ohne Festnahme keine Kreuzigung, ohne Kreuzigung keine Auferstehung, kein Sieg über den Tod.

Ein neues Bild erscheint vor meinen Augen: Judas als Werkzeug Gottes, als derjenige, den Jesus für den schwersten Auftrag ausgesucht hat, weil er ihm vertraute. In dem Jesus-Roman von Niko Kazantzakis sagt Jesus: „Ich muss getötet werden und du musst mich verraten, wir zwei müssen die Welt retten, hilf mir!“
Der Kuss wird damit zur Geste eines Mannes, der sich selbst verleugnet, um einen schweren Auftrag seines Meisters auszuführen. Drückt Verbundenheit aus. Abschied – nicht Verrat.

Vielleicht ist Judas an diesem Auftrag und an den schrecklichen Bildern des Karfreitag zerbrochen. Vielleicht hat er tatsächlich Selbstmord begangen. Vielleicht hat er Ostern und den Sinn seines Auftrages nicht mehr erlebt. Mag sein.
Aber vielleicht ist Jesus nach Karfreitag zuerst Judas erschienen: am Karsamstag, vor allen anderen, hinabgestiegen in das Reich der Toten, um Judas zu sehen, zu trösten und ihm das ewige Leben zu bringen.

Audiobeitrag Plädoyer für Judas


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen