Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.04.06, 5.56 Uhr, Pfarrerin Sabine Haupt-Scherer

Osternacht

Wer heute Abend über Land fährt, kann sie überall hören und riechen – die Osternachtsfeuer. Seit Wochen ist Holz zusammengetragen und aufgeschichtet worden.

Manche Aktionen sind eher spontan, andernorts werden Feiern sorgfältig vorbereitet. Heute gegen Einbruch der Dunkelheit oder gar zu Mitternacht werden die Feuer entzündet werden. Familien werden zusammenkommen, Freunde, Nachbarschaften, Jugendgruppen, Kirchengemeinden.

Nach dem alten Brauch der Kirche muss das Feuer mit Funken von Stein entzündet werden. Und damit ist mehr gemeint als nur die Benutzung eines Feuerzeugs. Feuersteine sollen aneinandergeschlagen werden, immer wieder, bis sie schließlich Funken sprühen.  Sie sollen das Wunder bezeugen, dass aus totem Stein wieder Leben entstehen kann – lebendiges Feuer, Wärme und Licht als Zeichen des Lebens.

Es ist eine der ältesten Kultur-Entdeckungen der Menschheit: Wenn man bestimmte Steine lange genug aneinander schlägt oder totes trockenes Holz geduldig reibt, dann kann man ein Feuer entfachen – Licht in der Dunkelheit schaffen.
Dies war der erste wirklich radikale Schritt, mit dem wir Menschen das Tierreich verließen und zu Menschen wurden, dass wir lernten, das Feuer zu nutzen.

Daran knüpft sich zu Ostern der Wunsch, Leben, Licht und Wärme möge es auf Dauer geben und der Tod soll nicht das letzte Wort haben. Und so stehen wir im Licht des Osterfeuers mit der Hoffnung, dass Leben nicht einfach vergeht, als sei es nie gewesen, und dass die Liebe stärker ist als der Tod. Wie schauen in die Flammen, die aus dem toten Holz schlagen und können einen Augenblick die Ewigkeit spüren.

Das Feuer ist zugleich das Bild der Liebe, die unsere Augen leuchten lässt, die Herz und Seele erwärmt.  Das Feuer kann retten und zerstören, es muss gepflegt werden, es braucht Nahrung und muss vor allzu viel Wind und Regen geschützt werden. Aber selbst wenn es ausgeht kann es neu entfacht werden.

Wenn Sie heute Abend an einem Osterfeuer stehen und in die hellen Flammen schauen, es von Ferne sehen oder auch nur riechen, vielleicht fühlen sie sich dann erinnert an die Hoffnung, dass die Liebe stärker ist als der Tod; Daran dass der Tod nicht das letzte Wort hat und sich die Gräber öffnen werden. Vielleicht erinnern sie sich an die alte Botschaft der Bibel, an die Botschaft der Frauen am Ostermorgen, dass das Grab leer war und Christus stärker als der Tod.

Audiobeitrag Osternacht


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